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Das neue Tocotronic-Album: Ein ganzes Leben in zwölf Liedern

Markus Kuhlen

ein Konzeptalbum. Drunter machen sie es einfach nicht mehr, die Pop-Poeten von Tocotronic. Titel: „Die Unendlichkeit“. Thema: das eigene Leben. Rumms!

Foto: Michael Petersoh

Doch keine Angst. Nach dem jüngsten, dann doch zu komplizierten, zu schwülstigen Konzeptwerk über nichts Geringeres als die Liebe (wie gesagt, klein und einfach kann und will die Band wohl nicht mehr) funktioniert das neue Werk ganz ausgezeichnet – vor allem für langjährige und mit der Band gealterte Fans. Weil Sänger Dirk von Lowtzow zwar aus seinem Leben erzählt, aber eben mit dieser Tocotronic eigenen gewollten Unschärfe, der sloganhaften Allgemeingültigkeit und der provozierten Rätselhaftigkeit. Der 46-Jährige textet in den zwölf streng chronologisch geordneten Songs eben nicht nur über sich, sondern irgendwie über alle – oder viel mehr noch: über uns und unser Leben.

Gerade in der ersten Hälfte ist die Platte ein Rückblick auf die eigene Kindheit für diejenigen, die mit der Band in Würde die magische 40 überschritten haben. Die 70er, die 80er, sie erstehen auf. Da gibt es Postämter, unscharfe Bilder auf Fahndungsplakaten, Telefone an Bord eines Zuges – aber keine Handys. Da gibt es die Erinnerungen an den Kirmesbesuch, aber auch an Außenseitertum („Niemand wird Dir folgen, in den Wolken steht’s geschrieben: Wir werden dich besiegen“), pubertäre Rebellion („Teeanage Riot im Reihenhaus“) und bewusste Abgrenzung („Ist mein Stil zu ungewohnt für deinen Kleinstadthorizont?“). Weiter geht es mit der ersten großen Liebe und dann zur Hälfte der Platte – und somit eben auch zur Hälfte in von Lowtzows Leben – mit dem „Urknall“: 1993, Hamburg, Gründung der Band. Die „Ausfahrt aus der Schwarzwaldhölle“, mit besten Grüßen an Tocotronics Hasshymne „Freiburg“, den ersten Song auf der ersten Platte.

An dieser Stelle bricht das Album musikalisch. War es zuvor teils verspielt, teils rastlos bis rebellisch, wird es nun beruhigter, träumerischer, mitunter melancholisch. Die Musik passt sich perfekt an Texte an, diese Größe haben sich Tocotronic über die vergangenen Jahre erarbeitet. Es geht um Tod und Verlust, aber auch um Errettung, Zweisamkeit und Aufbruch. Nicht nur die Musik changiert, auch von Lowtzows Stimme ist in diesem Part ruhiger, tiefer, sonorer, hat nicht mehr die Höhe und Aufgekratztheit der frühen Jugendtage.

Und dann, ganz am Ende, kommt auch das wieder, was zu einem Markenzeichen der Band wurde: der Slogan. „Alles, was ich immer wollte, war alles. Alles, was ich immer hatte, warst du.“ Ein Ausspruch der Klasse von „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Aber hier leben, nein danke“, oder „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Überhaupt, an so mancher Stelle scheint sich nach zweieinhalb Dekaden Bandgeschichte und zwölf Alben ein Kreis zu schließen, ein Geist wieder aufzuerstehen – wenn auch heute mit eleganteren Worten. So hieß es in besagtem Song „Freiburg“ einst: „Ich bin alleine, und ich weiß es. Und ich find es sogar cool.“ Heute klingt das so: „Was starrst du mich an? Ist es mein cooler Gang? (…) Doch es zieht dich zu mir hin, weil ich auf der anderen Seite bin.“

Ein Vierteljahrhundert stolpert und wandelt der Fan nun schon mit dieser Band durchs Leben. Vielleicht freut es auch deshalb so, dass Tocotronic immer noch relevant sind, den Mut haben, sich neu zu erfinden. Und dass sie weitermachen. Denn auf die Frage nach dem Albumtitel, was unendlich ist, antwortet Bassist Jan Müller: „Unsere Band hoffentlich.“

Tocotronic, „Die Unendlichkeit“ (Vertigo/Universal, CD/LP)

Von unserem Redakteur Markus Kuhlen

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