40.000
Aus unserem Archiv
Bonn

Da graust es nicht nur Feministinnen

Thomas Kölsch

Fügsam sei die Frau, demütig und liebend. Ein braves Heimchen am Herd, das keine Widerworte gibt und ihrem Herrn und Meister zu Dienste ist. Diese frauenfeindliche Haltung hat über Jahrhunderte hinweg die Gesellschaft geprägt und sich immer wieder auch in der Literatur breitgemacht. Etwa bei William Shakespeare, der in „Der Widerspenstigen Zähmung“ seiner Katharina am Ende Worte wie „Dein Ehmann ist dein Herr, ist dein Erhalter“ in den Mund legt und sie damit ihrem Petrucchio unterwirft. Zu Recht gilt das Werk heute als Problemstück, dem eine gnadenlos augenzwinkernde Inszenierung guttut. Gleiches gilt für Cole Porters Erfolgsmusical „Kiss Me, Kate“ (1948), das Shakespeares Komödie als Grundlage nimmt und ihr eine Rahmenhandlung verpasst. Das Stück kommt nun als Koproduktion mit dem Theater Dortmund ans Theater Bonn – und lässt jedwede ironische Brechung vermissen.

Fred (Oliver Arno) und Lilli (Bettina Mönch) kommen nicht voneinander los: Szene aus Cole Porters Musical „Kiss Me, Kate“ am Theater Bonn.  Foto: Thilo Beu
Fred (Oliver Arno) und Lilli (Bettina Mönch) kommen nicht voneinander los: Szene aus Cole Porters Musical „Kiss Me, Kate“ am Theater Bonn.
Foto: Thilo Beu

Mit seiner Musik für „Kiss Me, Kate“ feierte Cole Porter 1948 ein überwältigendes Comeback. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Produzent Fred Graham und seine Ex-Frau Lilli Vanessi, die gemeinsam trotz aller privaten Streitereien Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ aufführen wollen, dabei aber die Grenzen von Sein und Schein zunehmend verschwimmen lassen. Das könnte für eine heutige Inszenierung als perfekte Basis für ein fröhliches Vertauschen der Rollen dienen – doch eine Zähmung des widerspenstigen, biestigen Mannes bleibt aus, stattdessen legt dieser Lilli in ihrer Rolle als Katharina auf offener Bühne übers Knie wie seit eh und je. Alles andere gelingt: Das Beethoven Orchester Bonn bereitet mit seinem lustvollen Spiel unter der musikalischen Leitung von Daniel Johannes Mayr ein Fest für die Ohren, bei dem die fantastischen, vielschichtigen und abwechslungsreichen Kompositionen Cole Porters voll zur Geltung kommen. Überragend auch das Ensemble, allen voran die wunderbare Bettina Mönch als kratzbürstig-divenhafte Lilli sowie Oliver Arno als leidenschaftlicher Fred Graham, der seine Ex-Frau immer noch liebt, dies aber auf überaus fragwürdige Weise ausdrückt und sich so ganz nebenbei auch in den Armen des unbedarften Starlets Lois Lane vergnügt, das Kara Kemeny verführerisch anlegt.

Vom Rest des Ensembles ist vor allem TV-Urgestein Michael Schanze zu nennen, der in seiner Rolle als Gauner vollends aufgeht, während sein Partner Hans-Jürgen Schatz für den Moment des Abends sorgt, als er eine trillernde Piccoloflöte im Orchestergraben scheinbar erschießt. Herrlich. Stark aber auch die Tänzer, die insbesondere bei „Too Darn Hot“ brillante Choreografien zeigen.

Dem Augen- und Ohrenschmaus auf einer vollends verkitschten Bühne (Bühnen- und Kostümbild: Francis O'Connor) steht aber das Stück gegenüber, das einer Kommentierung bedürfte. Gut, in ihrer Promiskuität nehmen sich Männer und Frauen in „Kiss Me, Kate“ nichts, auf ihre Eroberungen sind sowohl Petrucchio als auch Lois Lane stolz – doch ansonsten ist es mit der Gleichberechtigung nicht gut bestellt.

Allgegenwärtiger Sexismus

Der überall hervorquellende Sexismus ist ein Schlag ins Kontor des Feminismus, Aussagen wie „Frauen brauchen ab und zu eine feste Hand“ bleiben unwidersprochen und folgenlos. Nicht ein nachhaltiger Protest, nicht eine Umkehrung der Geschlechterrollen erfolgt in Bonn, stattdessen fällt der Vorhang mit den oben bereits angedeuteten Worte Katharinas zur Fügsamkeit der Frau.

Offenbar hat es Regisseur Martin Duncan nicht darauf angelegt, zumindest im Subtext, sei es durch Mimik, Gestik oder wie auch immer, diesen antiquierten Geschlechterrollen zu entkommen. Und so exzellent die Produktion auch musikalisch und tänzerisch gelungen ist – in Hinsicht auf die inhaltliche Sollbruchstelle des Werks bleiben alle Fragen offen.

Termine und Tickets bei den bekannten VVK-Stellen sowie auch unter www.rz-tickets.de

Von unserem Mitarbeiter Thomas Kölsch
Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!