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    Koblenz"Carmen" liebt und stirbt im Namen der Rose: Starke Produktion auf der Festung Ehrenbreitstein

    Eine Frau, die sich nimmt, was sie will, die sich der Männer bedient, ihnen aber nicht gehorcht und für ihre Prinzipien auch in den Tod geht: Davon erzählt Georges Bizets Oper „Carmen“. Das war 1875 zur Uraufführung starker Tobak: Und es kann auch heute noch erschüttern, wenn man sich der Oper so ernsthaft nähert wie die Produktion auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein, die jetzt Premiere feierte.

     

    Carmen (Franziska Rabl, Mitte) ist eine Urgewalt: Auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein geht es nicht zimperlich zu. 
    Carmen (Franziska Rabl, Mitte) ist eine Urgewalt: Auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein geht es nicht zimperlich zu. 
    Foto: Matthias Baus

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Mehrfach hat das Theater Koblenz im Festungsgraben gezeigt, wie gut Musical unter Freiluftbedingungen funktionieren kann – jetzt steht, wie einst zu Festungsspiel-Zeiten, wieder Oper auf dem Programm. Und damit die Gretchenfrage: Soll man elektrisch verstärken oder nicht? Die Antwort: Wenn es so gut gemacht wird wie bei „Carmen“, ist es ein Gewinn für alle, die nicht ganz vorn bei den Sängern und Musikern des Orchesters sitzen können. Transparent und nahezu pannenfrei hebt die Tontechnik die Lautstärke an, ohne den Klangeindruck zu entstellen: Das machte schon bei der nasskalten Premiere Spaß und dürfte an sommerlicheren Abenden ein noch schöneres Erlebnis werden.

    Für „Carmen“ hat das Theater die Regisseurin Anja Nicklich verpflichtet: In Koblenz die Frau für Publikumsmagneten in profilierten Deutungen. Nach „Comedian Harmonists“, „Tosca“ und „My Fair Lady“ geht diese Gleichung auch bei „Carmen“ auf: Da gibt es jede Menge starker Regieideen, die allesamt nicht aufgepfropft wirken. „Carmen“ wird so schonungslos erzählt, wie es Libretto und Musik vorgeben – mit einigen zugefügten Prisen Unerbittlichkeit. Folklore nach Zigeunerart? Ja doch. Aber keineswegs als Dekoration, sondern als Ausdrucksmittel selbstbewusster Frauen, deren Körpereinsatz Erotik und Gewaltpotenzial brandgefährlich vereint.

    Interessanter Zugriff auf die Figur der "Carmen" 

    Das betrifft vor allem Carmen: Wer Franziska Rabl nur auf dem Foto sieht, könnte an Klischeebilder der „rassigen Zigeunerin“ denken, die lange in vielen Stuben und Schlafzimmern hingen. Doch diese Carmen tritt nicht an, um Träume zu erfüllen: So viel routinierten Flirt, zielbewussten Zugriff der Frauen wie in dieser Inszenierung muss man lange suchen. Und sie passt genau in die von der ersten Minute an übergriffigen, von Machogehabe geprägten Männerwelt, in der Carmen und alle anderen leben und ihre Nische suchen.

    Das aus Blöcken mit großem Totenkopf in der Mitte gefertigte Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Antonia Mautner Markhof) deutet alle Orte der Handlung von der Zigarettenfabrik übers Gebirge, in dem die Schmuggler hausen, bis zur Stierkampfarena wirkungsvoll an. Und es lässt Platz für die Massenszenen, die „Carmen“ neben vielen intimen Momenten eben auch ausmachen.

    Im Zentrum steht allerdings etwas Zartes, das kaum zu sehen ist: Eine rote Rose, die den Kreislauf des Lebens und Vergehens begleitet. Zu Beginn, zur wohl berühmtesten Haudrauf-Ouvertüre der Opernliteratur, spielen Kinder „Carmen und Don José“, mit einer Rose im Haar des Mädchens – und das nicht zimperlich.

    Die Rose, die Carmen dem erwachsenen José später ins Gesicht wirft, lässt die Leidenschaft des verhärmten Mannes aufkochen – oder besser: das, was er für Leidenschaft hält. Denn selbst im intimsten Moment mit der deutlich irritierten Carmen sucht er nur nach dem Mutterschoß. Erst zum tragischen Ende erweckt ein wilder Trieb in ihm – doch der führt nur noch zum finalen Mord. Mit Rosenblättern bedeckt, stirbt Carmen in seinen Armen: Gänsehautalarm – und das nicht wegen der ausbaufähigen Temperaturen.

    Noch vier Vorstellungen vom 6. bis 9. Juni  täglich um 20 Uhr, es gibt noch Karten unter Tel. 0261/129 28 40 und unter www.theater-koblenz.de

    Der Erfolg der Festungsproduktionen des Theaters Koblenz liegt ganz wesentlich daran, dass mit der Rheinischen Philharmonie, dem Opernchor und den Solisten des Hauses Kräfte zur Verfügung stehen, an die die allermeisten Tournee-Freiluftproduktionen nicht heranreichen können. Das trifft in „Carmen“ vollumfänglich zu: Musikdirektor Enrico Delamboye treibt die Rheinische zu einer glutvollen, das Wetter verspottenden Leistung an. Auch die lyrischen Stellen gelingen wunderbar, und wie in solch erschwerten Bühnenbedingungen die hervorragende Abstimmung mit den Sängern auf der Bühne vor dem Orchester funktioniert, ist mehr als beachtlich. Oper- und Extrachor (einstudiert von Ulrich Zippelius) plus Kinderchor der Singschule Koblenz passen sich da nahtlos ein, ihre großen Ensembles verfehlen nicht die beabsichtigte Wucht.

    Und auch die Solisten belegen, dass für die Freiluftaufführung keine Kompromisse eingegangen wurden: Franziska Rabl schont sich in der körperlich sehr fordernden Regie keine Sekunde, schöpft stimmlich effektstark aus ihrem tiefen Register und liefert pointierte Höhepunkte.

    Der Tenor spielt das Spiel mit

    Dass ihr Möchtegerngeliebter Don José hier als krankhaftes Muttersöhnchen gezeichnet ist, steckt Tenor Ricardo Tamura darstellerisch klaglos und als Teamplayer weg, macht alles mit – und ist in seiner „Blumenarie“ ebenso wie in den Duetten mit stimmlichem Volleinsatz ohne doppelten Boden erfolgreich. Das klingt besonders gut im kurzen Duett mit dem Torero Escamillo, der von Nico Wouterse mit größter Selbstverständlichkeit, völlig unaufgesetzt selbstbewusst gespielt und gesungen wird. Das gilt ähnlich für den Bass Jongmin Lim als Zuniga, der in dieser Produktion sterben muss, allerdings zuvor einige besonders schöne Töne singt.

    Carmens Begleiterinnen Frasquita (Hana Lee) und Mercédès (Anne Catherine Wagner) stehen der Titelfigur als Männermanipulationsfachfrauen souverän zur Seite, komplettieren den Stimmumfang der weiblichen Stimme nach ganz oben und unten mit Nachdruck. Und dann ist da noch die Ziehschwester Josés, die in jeder Inszenierung und auch hier blonde Micaela, die bei mancher Interpretin recht fad herüberkommt. Aurea Marston, vom Mezzosopran- erfolgreich ins Sopranfach gewechselt, bekommt von der Regie die Hilfestellung, aus ihr eine ganz zentrale, unbeirrbar starke Figur machen zu können. Und wie sie die beseelte Musik, die zum Zartbitterschmelzendsten zählt, das Oper überhaupt zu bieten hat, als Seelenausdruck in Gesang gießt: Das ist noch ein zusätzliches Bonbon dieser gelungenen Produktion.

     

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