40.000
Aus unserem Archiv
Wiesbaden

Brechts "Antigone" entdeckt die Langsamkeit

Wolfgang M. Schmitt

Bertolt Brechts Bearbeitung der "Antigone" von 1948 wird selten gegeben – die Neuproduktion am Wiesbadener Schauspiel punktet mit einer überragenden Darstellerin, krankt aber am Grundduktus der Umsetzung und den Schauspielmanierismen des mitspielenden Intendanten.

Mit ihrer Darstellung der Titelfigur macht Llewellyn Reichman in „Antigone des Sophokles“ eine gute Figur. Weniger gelingt dies Uwe Eric Laufenberg. Der Intendant des Wiesbadener Staatstheaters spielt König Kreon.  Foto: Forster
Mit ihrer Darstellung der Titelfigur macht Llewellyn Reichman in „Antigone des Sophokles“ eine gute Figur. Weniger gelingt dies Uwe Eric Laufenberg. Der Intendant des Wiesbadener Staatstheaters spielt König Kreon.
Foto: Forster

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

Bertolt Brecht machte 1948 bei seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil, bevor er sich in der DDR niederließ, Station am Stadttheater Chur, um dort seine Bearbeitung der „Antigone“ auf die Bühne zu bringen. Indem Brecht seiner Umdeutung der Tragödie von Sophokles die als dunkel geltende Hölderlin'sche Übertragung zugrunde legte, machte er es sich nicht leicht, konnte er doch als sozialistischer Autor unmöglich im hohen Tone das Schicksalhafte beschwören. Wo Sophokles mythisiert, muss Brecht politisieren.

Zur Erinnerung: Gegen den Willen ihres Onkels Kreon begräbt Antigone ihren Bruder Polyneikes, obwohl er gegen Theben in den Krieg zog (bei Brecht ist er ein Deserteur). Antigone missachtet damit die politische Ordnung, die König Kreon repräsentiert, und beruft sich stattdessen auf die göttliche, nach der Polyneikes eine würdige Bestattung zusteht. Nun könnte der atheistische Brecht ohne Weiteres auf Kreons Seite stehen, doch durch die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges erscheint dem Autor Antigone als humanistische Figur, die sich dem machtbesessenen und kriegstreiberischen Herrscher entgegenstellt.

„Durchrationalisierung“ nennt Brecht die Methode, mit der er den schicksalhaften in einen politischen Konflikt verwandelt. Oft wird diese „Antigone“-Version nicht mehr aufgeführt – am Staatstheater Wiesbaden hat sich dieser jetzt der einst von Helene Weigel entdeckte Schauspieler und Regisseur Manfred Karge angenommen. In der schönen weißen Rotunde (Bühne: Gisbert Jäkel) wäre Raum, um die Relevanz des Stücks unter Beweis zu stellen. Und mit Llewellyn Reichman verfügt die Inszenierung über eine ideale Antigone, da trotz aller Entschlusskraft bei Reichman stets eine Verletzlichkeit mitschwingt. Doch eine Bühne und eine Schauspielerin machen noch keinen gelungenen zweieinhalbstündigen Abend.

„Das Tempo der Aufführung war sehr rasch“, schrieben Brecht und sein Bühnenbildner Caspar Neher über die Churer Inszenierung. Das kann man vom Wiesbadener Inszenierungsversuch wahrlich nicht behaupten. Es scheint vielmehr so, als wohne man einem ungewöhnlichen Schauspielerwettbewerb bei: Wer kann die Verse am langsamsten und mit den meisten Kunstpausen aufsagen? Glücklich, wer sich am Ende eines Satzes noch an dessen Anfang erinnern kann.

Uwe Eric Laufenberg, der Intendant des Hauses, also gewissermaßen der König des Hessischen Staatstheaters, mimt Thebens König. Doch Machtfülle allein genügt nicht, um glaubhaft Kreon verkörpern zu können. Laufenberg arbeitet vorwiegend mit Schauspielmanierismen von anno dazumal und trifft oft nicht den rechten Ton – manche Ächzer und Verzweiflungsausrufe hören sich unfreiwillig komisch an. Bisweilen kann man dabei auch eher an einen gehörnten Ehemann aus einem Boulevardstück denken als an eine antike Gestalt.

Brecht wollte mit seiner Umdeutung die politische Skrupellosigkeit Kreons in den Mittelpunkt stellen, um so den König mehr als historische denn als mythische Figur zu zeichnen. Laufenberg verleiht seinem Kreon aber weder das eine noch das andere, die Darstellung wirkt klamaukig. Und wenn nichts mehr geht, kann man immer noch schreien. Ja, es wird viel geschrien, gebrüllt und gezetert an diesem Abend. Das Laute bringt das Analytische zum Verstummen und den Zuschauer zum Gähnen. Aber vielleicht sind das bloß die Hilfeschreie eines Regisseurs, der nicht recht zu wissen scheint, warum Brechts „Antigone des Sophokles“ überhaupt noch aufgeführt werden soll.

Karten gibt es unter www.staatstheater-wiesbaden.de

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!