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    KoblenzBizets "Carmen": Eine Frau, die sagt, was sie will

    Habanera, Torero-Lied, große Chöre und noch viel mehr: Georges Bizets "Carmen" ist eine der beliebtesten Bühnenwerke überhaupt. Vom 1. Juli an wird sie in einer Freiluftproduktion auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein gezeigt.

    Sie ist frei geboren und stirbt auch frei: Carmen (Franziska Rabl, Mitte) ist eine der ungewöhnlichsten und faszinierendsten Figuren der Opernbühne. Vom morgigen Samstag an ist das beliebte Stück auf der Festung Ehrenbreitstein als Freiluftaufführung zu sehen.  Foto: Matthias Baus
    Sie ist frei geboren und stirbt auch frei: Carmen (Franziska Rabl, Mitte) ist eine der ungewöhnlichsten und faszinierendsten Figuren der Opernbühne. Vom morgigen Samstag an ist das beliebte Stück auf der Festung Ehrenbreitstein als Freiluftaufführung zu sehen.
    Foto: Matthias Baus

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    „Comedian Harmonists“, „Tosca“, „My Fair Lady“: Gleich drei Mal war Anja Nicklich in den vergangenen Spielzeiten für große Produktionen beliebter Stücke im Großen Haus des Theaters Koblenz zuständig. Und dabei hat sie es jedesmal verstanden, einerseits ein traditionsbewusstes Publikum nicht zu vergrätzen – aber auch einen frischen und kräftigen Zugriff auf die Bühnenbestseller zu finden. Jetzt inszeniert sie erstmals für die Freiluftbühne auf der Festung Ehrenbreitstein – und wieder ist es ein Publikumsknüller, eine der beliebtesten Opern überhaupt. „Carmen“, die Geschichte der selbstbewussten Zigeunerin, die Don José den Kopf verdreht und nach vier Akten voller weltberühmter Melodien mit ihrem Leben dafür bezahlt, sich selbst treu geblieben zu sein.

    Wie kann man das erzählen, ohne „Carmen“-Klischees zu bedienen? Für die Regisseurin am Rande einer Probe auf der Festung gar keine Frage: „Ich will die Geschichte aus der Sicht Carmens erzählen. Es wird so oft inszeniert: der arme Don José wird eingesperrt, sie ist die erste Femme fatale der Opernbühne – aber das stimmt für mich nicht. Sie ist einfach eine starke Frau, die macht, was sie will – und es klar ansagt. “ Eine Femme fatale, also eine Frau, die Männer mit erotischen Waffen manipuliert und so ins Unglück stürzt – nein, die sieht auch die Produktionsdramaturgin Christiane Schiemann in Carmen auf keinen Fall: „Sie lebt nach ihren Regeln, sie ist frei geboren und stirbt frei. Sie sagt von Anfang an, was sie will und was sie denkt. Sie sagt selbst am Schluss: Ich habe niemals gelogen. Sie hält niemanden hin, sie hält sich niemanden warm.“ Wenn diese Frau auf Don José trifft – Nicklich: „Der ist sehr streng katholisch aufgewachsen, sexuell komplett unterdrückt“ –, kann das natürlich kaum ein gutes Ende nehmen. „In Carmen erweckt das einen Jagdtrieb, Und wenn sie ihm die Rose zuwirft, explodiert er wie ein Vulkan und ist völlig verwirrt.“

    Eine Verwirrung, in der er nicht nur seiner Ziehschwester Micaela Unrecht tut, die sich auf den weiten Weg zu ihm gemacht hat – sondern schließlich in dieser Produktion krankhafte Züge eines Stalkers entwickelt, der nicht akzeptieren kann, dass Carmen ihm mit klaren Worten den Laufpass gibt.

    Micaela, die in vielen Inszenierungen recht einförmig liebend und leidend daherkommt, ist für Anja Nicklich eine der spannendsten und sogar stärksten Figuren der Oper: „Man muss sich vorstellen: Sie macht sich allein auf in die Berge, um José zu finden. Sie weiß, dass er bei Schmugglern lebt, von denen man sich erzählt, dass es bei ihnen äußerst ungemütlich zugeht. Das ist Stärke!“ Gerade einmal eine Woche Zeit stand für die Proben auf der Festung zur Verfügung – weswegen die Vorbereitungszeit innerhalb der Theatermauern bestens genutzt wurde: „Wir wurden tatsächlich schon im Theater fertig“, freut sich die Regisseurin, die so vergleichsweise entspannt und für alle Wetterunbillen gerüstet mit allen Künstlern und Technikern auf die Festung ziehen konnte.

    In den grundsätzlichen Herausforderungen unterscheidet sich die Freiluftproduktion durchaus deutlich von denen im festen Theaterhaus: etwa in Bezug auf das Bühnenbild, das im Fall eines Sturmes nicht nur standhalten, sondern auch schnell abzubauen sein muss. Auf der 14 Meter breiten und 5 Meter tiefen Bühne sind neben den Solisten ein 45 Personen starker Chor und 30 junge Mitglieder des Kinderchores unterzubringen, dahinter sitzt für das Publikum unsichtbar das 50 Personen starke Orchester. Eine große Herausforderung für die Regie, aber auch für die Technik, die dafür sorgen soll, dass all das auch noch bis in die hinteren Zuschauerreihen gut zu hören ist.

    Deutsche Kurzfassung im Programm

    Für „Carmen“ hat sich das Theater für die Aufführung in französischer Sprache entschieden: „Ich finde das gut, weil es in der Originalsprache musikalisch am besten funktioniert“, sagt Nicklich. Und sie ist überzeugt: „Wer sich schon einmal mit dem Stück beschäftigt hat, wird verstehen, was ich in meiner Inszenierung zeigen will.“

    Und für alle, die „Carmen“-Novizen sind, hat Christiane Schiemann das Libretto übersetzt und gestrafft – mit dieser Kurzfassung im Programmheft soll man der Handlung gut folgen können, ohne zu sehr von der Bühnenhandlung abgelenkt zu werden. Denn das wäre angesichts der Absichten der Regisseurin wirklich zu schade. Ihre sehr körperlich intensive Sichtweise auf Puccinis „Tosca“ wirft natürlich die Frage auf: Geht es in „Carmen“ ebenso zur Sache? „Natürlich“, zuckt Nicklich mit den Schultern: „Das Stück ist durch und durch sexistisch, das ist alles auch in der Musik zu hören. Und auch der Tod durchzieht den ganzen Abend – das ist zu hören und wird auch zu sehen sein.“

    emme fatale? Zigeunerin? Carmen verführt einen braven Soldaten, der kurz vor der Ehe steht. Um ihn dann gegen einen gefeierten Torero auszutauschen, der mannhaft Stiere meuchelt in der Arena. Eine Geschichte, die man gut kennt, allzu gut womöglich. Wer sich aber mit den Quellen der „Carmen“ beschäftigt, der Novelle von Prosper Mérimée und den Ideen hinter der Räuberpistole aus dem angeblich so exotischen Spanien, der verändert seinen Blick auf diese Figur. Er erkennt eine Frau, die sich innerhalb der besonderen Normen ihrer Gruppe bewegt – und weder einen Hehl daraus macht noch geradeheraus lügt. Im Gegenteil: Von Anfang an, mit ihrem ersten Auftritt und ständig aufs Neue erklärt Carmen ihre Gesetze. Wer mit ihnen umgehen kann, ist ihr Mann – wer es nicht kann, muss an Carmen scheitern, wie es Don José letztlich tut. Der Uraufführung im Jahr 1875 war zunächst kein Erfolg beschieden. Allzu ungewohnt war für das Pariser Publikum die ungeschminkt realistische Darstellung eines Milieus, in dem sich Zigeuner, Schmuggler und Deserteure tummeln. Heute gilt „Carmen” als eine der weltweit meistgespielten Opern.

    Leitungsteam: Enrico Delamboye/Leslie Suganandarajah (musikalische Leitung), Anja Nicklich (Inszenierung), Antonia Mautner Markhof (Bühne und Kostüme), Christiane Schiemann (Dramaturgie), Ulrich Zippelius (Choreinstudierung), Juliane Berg/Manfred Faig (Einstudierung Kinderchor).

    Mit: Rodrigo Porras Garulo/Ricardo Tamura, Nico Wouterse/Orhan Yildiz, Jannes Philipp Mönnighoff, Junho Lee, Jongmin Lim, Christoph Plessers, Franziska Rabl/Stefanie Schaefer, Aurea Marston, Hana Lee, Anne Catherine Wagner, Opernchor, Extrachor, Kinderchor, Staatsorchester Rheinische Philharmonie

    Premiere am Samstag, 1. Juli, um 20 Uhr auf der Festung Ehrenbreitstein, weitere Vorstellungen: 2., 6., 7., 8. und 9. Juli

    Tickets beinhalten die Nutzung der Seilbahn, die an Vorstellungsterminen bis 23.15 Uhr in Betrieb ist.

    Karten/Infos an der Theaterkasse im Forum Confluentes unter Tel. 0261/129 28 40 und im Internet: www.theater-koblenz.de

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