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Koblenz

"Ball im Savoy": Theater Koblenz hebt einen Schatz der Operette

Wolfgang M. Schmitt

Die Operette erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Verschollen geglaubte Schätze werden gehoben, in Vergessenheit geratene Werke wiederentdeckt. So jetzt auch in Koblenz: Das Stadttheater zeigt „Ball im Savoy“, die unbekannteste der drei bekannten Operetten Paul Abrahams – die anderen sind „Viktoria und ihr Husar“ und „Die Blume von Hawaii“.

Foto: Baus

Am 23. Dezember 1932 wurde „Ball im Savoy“ in Berlin uraufgeführt. Anscheinend nichts lässt darauf schließen, dass die Nazis einen Monat später die Macht übernehmen werden, zudem spielt der Eheschwank mit „Fledermaus“-Ingredienzen in Nizza: Nach einer einjährigen Hochzeitsreise kehren Marquis Aristide de Faublas und seine Gattin Madeleine in ihre Villa zurück.

Ein letztes Souper

Dort angekommen, erhält Aristide von einer Verflossenen, der mannstollen Tangolita, eine Einladung zum Ball im Hotel „Savoy“ – versprach er ihr doch einst, irgendwann ein letztes Mal mit ihr zu soupieren. Madeleine kommt ihrem Mann auf die Schliche und mischt sich verkleidet unter die Ballbesucher, mithilfe ihrer Freundin Daisy, die unter dem Pseudonym Pasodoble als Schlagerkomponistin von sich reden macht.

Nicht nur Aristide träumt davon, „ein bisschen ledig“ zu sein. Nach der rauschenden Ballnacht wird Madeleine sich aus dem gesellschaftlichen wie textilen Korsett befreit haben: Kostümbilder Kristopher Kempf (auch verantwortlich für das revuehafte Bühnenbild) ersetzt dann Madeleines Chi-Chi-Kleid durch eine luftige Hose und ein gestreiftes Oberteil – Coco Chanel lässt grüßen.

Nicht mehr als eine amüsante Posse also? Doch! Dies beweist die Koblenzer Inszenierung, indem Regisseur Ansgar Weigner eine entscheidende Änderung vornimmt: Er verlegt den Ort der Handlung nach Berlin. Dadurch ändert sich die Atmosphäre grundlegend. Jeder Tango führt nun am Abgrund entlang, jeder Charleston wird zum sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan. Ist vor der Pause die Stimmung noch ausgelassen, können die Figuren hinterher den Amüsierbetrieb nur noch mit viel Alkohol aufrechterhalten.

Weigner hat nicht nur ein hervorragendes Gespür für Stimmungen, sondern auch für das richtige Timing. Sowohl die Gesangsnummern als auch die Spielszenen sprühen vor witzigen Einfällen – auch dank der spielfreudigen Sänger. Allen voran Désirée Brodka und Michael Siemon als (beinahe) untreue Eheleute. Brodka hat einen wohlklingenden warmen Sopran, der in den Höhen Dramatisches wie Kokettes bereithält. Siemons schlankem Tenor liegt das Flotte und das Süßliche gleichermaßen. Ebenfalls fabelhafte Darsteller sind Mezzosopranistin Haruna Yamazaki als Daisy, wenngleich ihr Temperament bisweilen die Textverständlichkeit mindert, und Christof Maria Kaiser als türkischer Diplomat Mustapha Bei.

Puristen mag es stören, dass mikrofonisch unterstützt gesungen wird, doch ist Abrahams Operette mit ihren vielen Schlagern und Jazzelementen, anders als noch die Werke Franz Lehárs, kein Kind der Oper mehr. Das Radiozeitalter, auf der Bühne durch Daisy/Pasodoble verkörpert, hat längst begonnen.

Von wegen züchtig

„Ball im Savoy“ ist ein ausgesprochen modernes und vor allem mondänes Werk. Und spätestens. wenn die von Luches Huddleston junior spritzig choreografierten Herren des Balletts in knappen Lack-und-Leder-Outfits über die Bühne fegen und die von Anne Catherine Wagner hinreißend frivol gespielte und gesungene Tänzerin Tangolita ihren großen Auftritt im „Savoy“ hat, treibt die Regie der Operette jegliche Anneliese Rothenberger'sche Züchtigkeit aus.

Nach 1945 wurde in Deutschland meist das subversive Potenzial der Operetten der Weimarer Republik gezähmt. Das Ekstatische wurde ins Gefügige, das Mondäne ins Biedere verwandelt. Wollte Abraham der immer brauner werdenden Welt trotzig grenzüberschreitendes, das heißt kosmopolitisches Amüsement entgegensetzen, nutzte man Jahrzehnte später die Operette aus, um eine vermeintlich gute alte Zeit einzuhegen. Nicht nur Weigners Inszenierung, die an das Musical „Cabaret“ denken lässt, sprengt diese Grenzen wieder auf, auch die Musik bleibt in jeder Minute frisch und frech.

Im Graben wähnt man eine Jazzband, ein Tanz- und ein Revueorchester – nur wer den Illusionsbruch will, wird daran denken, dass dort unten die Rheinische Philharmonie sitzt, so authentisch und effektvoll dynamisch bringen Dirigent Daniel Spogis und die Musiker das Berlin des Jahres 1932 zum Klingen. Leise ist das selten, manchmal aber zu laut.

Emigration als Schicksal

Zum Schluss ertönt noch einmal der berühmteste Hit dieser Operette: „Es ist so schön am Abend bummeln zu geh’n“. Doch plötzlich wird der Marschrhythmus des Schlagers aggressiver, die Gesichtszüge der Choristen verhärten sich; marschiert wird jetzt im Gleichschritt, vier Herren mit Hakenkreuzabzeichen in der ersten Reihe. „Bummeln geh’n“ wird zu einer zynischen Aufforderung, das Land zu verlassen. Madeleine und Aristide greifen zu ihren Koffern und fliehen von der Bühne. Eine starke, bedrückende Szene, die das Emigrantenschicksal des aus Ungarn stammenden Juden Paul Abraham vorwegnimmt. „Ball im Savoy“ war seine letzte Berliner Operette, danach emigrierte er nach Budapest, später über Paris und Kuba nach New York. Dort lebte er bald verarmt und geistig umnachtet. Eines Tages soll Abraham im Frack mitten auf einer befahrenen Straße in New York stehend, weiß behandschuht ein imaginäres Orchester dirigiert haben. Er, der musikalische Kosmopolit, der sein Figurenpersonal gern um die ganze Welt schickte, war verloren ausgerechnet in jener Stadt, die wie keine andere diese eklektische Weltläufigkeit symbolisiert.

Zur Operettenrenaissance leistet Koblenz einen – trotz zweidreiviertel Stunden Aufführungsdauer – kurzweiligen und sehr unterhaltsamen Beitrag, der aber auch klug darüber reflektiert, dass die Lust an der Operette ein Krisensymptom ist: Unterhaltung gegen den Ernst der Lage ist gegenwärtig wieder gefragt. Die Inszenierung und das Orchester machen jedoch sicht- und hörbar, warum das Ausgelassene nicht die Auslassung des Politischen bedeuten sollte.

Tickets und Termine unter www.theater-koblenz.de

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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