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Koblenz

Autorin drängt auf Emanzipation im Islam: Sineb El Masrar will Ungerechtigkeit nicht weiter hinnehmen

Lieselotte Sauer-Kaulbach

Sie scheut weder klare Worte noch Widerspruch, auch nicht in ihrem neuesten Buch „Emanzipation im Islam“. Sineb El Masrar bietet wieder Zündstoff für Auseinandersetzungen – jetzt im Haus Metternich.

Die Autorin Sineb El Masrar kämpft gegen Unterdrückung der Frauen im Islam.
Die Autorin Sineb El Masrar kämpft gegen Unterdrückung der Frauen im Islam.
Foto: dpa

Als Sineb El Masrars Buch "Emanzipation im Islam" im vergangenen Jahr erschien, drängte die wegen islamistischer und antisemitischer Tendenzen umstrittene Organisation Millî Görü darauf, einige Zeilen zu schwärzen. Es ging dabei um Passagen, in denen sich die Autorin und Journalistin Sineb El Masrar, 1981 in Hannover als Tochter einer aus Marokko stammenden Familie geboren, auf einen Artikel in der „Welt“ berief. In ihm ging es um die Verflechtung von Mitgliedern der Millî Görü mit der vom Innenministerium verbotenen Internationalen Humanitären Hilfsorganisation.

Sicher waren es die Schlagzeilen, die damals durch die Presse gingen, vor allem aber auch El Masrars Engagement in Sachen Gleichberechtigung von Muslimas, die viele Interessierte ins Künstlerhaus Metternich zu einer von Zonta Koblenz veranstalteten Lesung und Diskussion mit der Autorin gebracht hatten. Zu einem Abend, der auch ohne die geschwärzten Buchpassagen Zündstoff genug bot, sodass es die moderierende Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Jansen nicht immer leicht hatte, aufgeregte Gemüter zu beruhigen.

Absage an tradierten Ehrbegriff

Die zentralen Fragen werden in den Passagen des Buchs, die El Masrar liest, deutlich: Sie sind der Aufruf zur Auseinandersetzung mit einer patriarchalisch und von tradierten Ehrbegriffen geprägten, sich auf den Koran als Rechtfertigung berufenden Kultur, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu verhindern sucht. El Masrar bezieht sich unter anderem auf die frühe Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, die bereits 1901 in ihrem Essay „Die Antifeministen“ das Patriarchat als Zeichen männlicher Schwäche definierte und schrieb: „Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn.“

Verantwortlich für die nach wie vor praktizierte Unterdrückung der Frau sei aber nicht, so die Autorin, der Islam selbst, sondern eine Denkhaltung, die Religion als Totschlagargument missbrauche, um jede Emanzipation zu unterbinden. Dabei sei vieles nur Auslegungssache, fänden sich umgekehrt im Koran genügend „Steilvorlagen“ für die Gleichberechtigung der Frau.

Zum Widerstand auffordern

Während El Masrar liest und mehr noch in ihren Antworten auf Fragen und Diskussionsbeiträge merkt man, wie sehr es El Masrar am Herzen liegt, Frauen zum Widerstand gegen überholte patriarchale Denkmuster aufzufordern, trotz und gerade wegen der Sure 223, in der die Frau als „Saatfeld“ bezeichnet wird, zu dem der Mann kommen kann, wann und wie er will.

Interessante Aspekte zum Thema steuert Yilmaz Burak, Gruppenleiter der „HeRoes“ bei, einem 2011 in Duisburg gegründeten Gleichstellungsprojekt für kulturell verschieden geprägte Jugendliche. Die Initiative wendet sich gegen Unterdrückung im Namen der Ehre und setzt sich für eine Gesellschaft ein, in der jeder, unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Sozialisation, die gleichen Möglichkeiten und Rechte hat. Zwei Jahre lang werde, so Burak, mit Jugendlichen aus Familien gearbeitet, in denen Jungfräulichkeit als Sache der von den Männern zu verteidigenden Ehre angesehen wird. In Rollenspielen würden ihnen beispielsweise alternative Verhaltensmöglichkeiten aufgezeigt.

Leidenschaftlich fordert die Schriftstellerin in ihrem Schlusswort Muslimas dazu auf, auch bisherige Tabuthemen wie Sexualität und Partnersuche zu diskutieren. „Wir brauchen nicht die Religion für die Emanzipation, aber die Religion braucht die Diskussion.“ Das beste Fazit findet sich in ihrem Buch: „Mit zweierlei Maß zu messen, hat noch keinem gutgetan. Egal, ob die unterschiedliche Behandlung aufgrund des sozialen Standes, der Herkunft oder aufgrund des Geschlechts erfolgt.“

Von unserer Mitarbeiterin Lieselotte Sauer-Kaulbach

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