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Koblenz

8. Anrechtskonzert: Und aus der Ruhe entsteht ein Traum von Amerika

Claus Ambrosius

Nichts hält sich ausdauernder als Vorurteile – auch in der Welt der Musik. Wie etwas zu klingen hat, welche Traditionen die richtigen sind und welche die falschen, wird heftig diskutiert – und man kann auch darüber streiten, wie US-amerikanische E-Musik zu klingen habe. Die Melange aus europäischen Traditionen, die in der neuen Welt angelandet waren, mit der Musik der indigenen Bevölkerung und dem Erbe, dass die aus Afrika in die Sklaverei entführten Menschen mitbrachten, hält für eine solche Musik die denkbar größte Bandbreite bereit – und trotzdem wurden amerikanische Komponistein immer wieder mit der Forderung nach dem einen, unverwechselbaren Stil konfrontiert.

Garry Walker hält auch Edgar Meyers Violinkonzert aufmerksam zusammen, Geiger Ilya Gringolts lässt es ordentlich krachen im achten Anrechtskonzert der Saison in der Rhein-Mosel-Halle.  Foto: Thomas Frey
Garry Walker hält auch Edgar Meyers Violinkonzert aufmerksam zusammen, Geiger Ilya Gringolts lässt es ordentlich krachen im achten Anrechtskonzert der Saison in der Rhein-Mosel-Halle.
Foto: Thomas Frey

Da ist es schon beinahe tragisch, dass in einem von uns als „typisch amerikanisch“ empfundenen Konzertprogramm ein Werk nicht fehlen darf, dass noch nicht einmal von einem Amerikaner geschrieben wurde: natürlich, die neunte und letzte Sinfonie des tschechischen Komponisten Antonin Dvorak mit dem Titel „Aus der neuen Welt“, die 1893 ihre Uraufführung in New York, dem Epizentrum dieser neuen Welt erlebte. Ein Jahr zuvor war der arrivierte Komponist als Direktor ans amerikanische Nationalkonservatorium berufen worden, ein Jahr nach dem unmittelbaren Erfolg der Sinfonie sagte er der bereits in voller musikalischer Blüte stehenden Weltstadt wieder adieu – der Ruf der alten Welt, die Sehnsucht nach der Heimat, waren zu stark.

Mit seiner Neunten hat Dvorak ein Werk hinterlassen, das alle genannten potenziellen Merkmale amerikanischer Musik vereint: die Verschmelzung der europäischen Traditionen mit Inspirationen durch indianische Melodien und Rhythmen der Spirituals. Gemeinsam mit Anklängen an Wagner’sche „Parsifal“-Welten und ein echt Beethoven’sches Auftaktmotiv also ein größtmögliches Füllhorn, das zum Grundpfeiler des sinfonischen Kernrepertoires wurde – und alle diese Qualitäten auch jetzt beim achten Anrechtskonzert des Musik-Instituts Koblenz ausspielte.

Nun ist die erfolgreiche Aufführung dieser Sinfonie eher die Regel als die Ausnahme, der packende Beginn und der triumphal auftrumpfende Schlusssatz bringen eigentlich jedes Orchester auf Trab. Umso erfreulicher, dass im achten Anrechtskonzert der Saison in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle ausgerechnet der zurückhaltende zweite Satz der Sinfonie zum „Aha!“-Effekt gerät: Hier wird deutlich, welche neue Klangperspektiven der seit dieser Spielzeit als Chefdirigent der Rheinischen Philharmonie verpflichtete Schotte Garry Walker mit dem Staatsorchester erschließt.

Schon im ersten Anrechtskonzert konnte aufmerksamen Zuhörern nicht entgehen, dass Walker selten die höchste Kraftstufe des Orchesters abruft, eher aus einem sehr zarten, dynamisch die leisesten, gerade noch in der Halle tragenden Spannungs- und Lautstärkegrade zu Grunde legt. Und die Sicherheit des Orchesters mit dieser leisen Basis, die ein Aufeinanderhören ermöglicht und beflügelt, ist in den wenigen Monaten seither beachtlich gewachsen: So konzentriert in sich ruhend, die kleinen Steigerungen auskostend und mit Wonne auf wohlgesetzte Höhepunkte zustrebend hat man das Orchester lange nicht erlebt.

Wobei schon die Eröffnung des Abends auf diese Interpretationstiefe hindeutete: Die Suite aus der Ballettmusik „Appalachian Spring“ von Aaron Copland gehört zu der Sorte von Musik, die aufgeschrieben als Partitur – und leider auch in vielen Aufführungen – nicht allzu viel Eindruck macht. Unter der Leitung von Garry Walker zeigten sich die Teile der Suite allerdings als vielfältige Miniaturen, die dem Volkston der Melodien emotionale Tiefe und klangbildnerische Grandezza abgewannen, ohne jemals aufgesetzt und überzogen zu wirken. Kein Zweifel, in einer solchen Interpretation entsteht unser Traum von Amerika aus der Ruhe heraus, nicht aus dem Aufbrausen.

Ruhe steht im 1999 der jungen Geigenvirtuosin Hilary Hahn zugewidmeten Violinkonzert des amerikanischen Komponisten Edgar Meyer nicht im Mittelpunkt: Wüsste man nicht, wie neu das Werk ist – man würde es nicht erkennen, es schließt mit vertrauter Tonsprache lückenlos an das Konzertprogramm an, fügt mit Folk- und Bluegrassanklängen noche weitere Facetten landestypischer Klänge bei.

Zwischen Filigran und Fiddle

Der für das Anrechtskonzert engagierte russische Geiger Ilya Gringolts lässt sich auf den Zitatenreigen vollends ein, geht dabei noch deutlich weiter als die Widmungsträgerin in ihrer Ersteinspielung des Werks und lässt es in Klangrichtung Fiddle so richtig krachen – um in romantischem Fililgran, aber auch in auf enorme Virtuosität angelegten, vor Doppelgriffen strotzenden Teilen technische Meisterschaft und auch sein Klangspektrum unter Beweis zu stellen.

Ein in vieler Hinsicht beglückendes Konzerterlebnis, verbunden mit der Aussicht auf weitere Klangerkundungen mit dem neuen Chefdirigenten. Wenn jetzt noch das Publikum mitzieht und sich auf die für solche Feinbetrachtungen hilfreiche Ruhe einlässt, ist Großes zu erwarten – bis dahin beneidet man die Tontechniker nicht, die aus dem Mitschnitt dieses Konzertes vor einer Ausstrahlung hundertfache selbstbewusste und rückhaltfreie Hustattacken herauszufiltern haben werden.

Infos zum Verdi-Requiem im Anrechtskonzert am 13. April: www.musik-institut-koblenz.de

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

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