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    Kommentar: Die Trumpisierung ist auf dem Vormarsch

    Natürlich geht es nicht nur um die Auseinandersetzung zwischen einem Republikaner und einer Demokratin, zwischen einem Milliardär und einer Millionärin, zwischen einem 70-jährigen politischen Neuling und einer 68-jährigen Politikerfahrenen weit auf der anderen Seite des Atlantiks.

    Gregor Mayntz
    Gregor Mayntz

    Gregor Mayntz zum spannenden US-Wahlkampf

    Wie die Supermacht USA gesteuert wird, wirkt sich direkt auf Deutschland und die Welt aus, eröffnet neue Spielräume, neue Chancen oder bringt neue Engpässe, neue Konflikte. Deshalb verfolgten auch so viele Politiker und Journalisten aus Deutschland die beiden Nominierungsparteitage in Cleveland und Philadelphia.

    Es zeigen sich in diesem Kräftemessen aber auch Phänomene, die in vielen anderen Staaten zu spüren sind, die allerdings in den USA nun jedoch in selten gekannter Radikalität zum Tragen kommen. Das ist eine schon oft zu beobachtende Entwicklung: Viele Erscheinungen erlebten intensiv zuerst die USA, bevor sie Jahre später auch in Europa aufschlugen. Die TV-Duelle von Spitzenkandidaten etwa, die fernsehgerechten Wahlkämpfe, die demoskopiegetriebene Entscheidungsfindung, die Kampagnen via Direktkommunikation in den sozialen Netzwerken.

    Nun wird das seit Langem schwelende Misstrauen gegenüber dem politischen Establishment auf die Spitze getrieben. Das amerikanische Volk soll entscheiden, ob ein Konzept überzeugt, bei dem der Kandidat polternd den Eindruck erweckt, das ganze System gehöre eigentlich auf den Müllhaufen und müsse durch schlichte, zupackende Übernacht-Lösungen ersetzt werden. Oder ob die gewachsenen Strukturen der Austarierens von Macht und des Ausgleichens von Interessen nach dem ersten Farbigen an der Spitze nun auch mit der ersten Frau an der Spitze die Chance bekommen, sich weiter zu entwickeln.

    Die Technik, mit begrenzten Regelverletzungen Aufmerksamkeit zu bekommen, beherrschen auch deutsche Politiker. Neu ist bei Trump der Wegfall solcher Grenzen. Er kennt offenbar keine roten Linien. Nichts scheint ihm zu abgedreht, um medienwirksam Wellen schlagen zu lassen. Indem er etwa Russland dazu aufruft, die Konkurrentin Clinton zu hacken und 30 000 E-Mails aus ihrer Zeit als Außenministerin den Medien zuzuspielen, erklärt er es für völlig gleichgültig, einen Rahmen in einem Land zu sprengen, das bei der nationalen Sicherheit gewöhnlich wenig Spielraum lässt und schon gar keinen Spaß versteht.

    Trumps vollmundige Versprechungen vom Mauerbau an der Südgrenze bis zur Ausweisung von zehn Millionen Migranten zeigen starke Parallelen auf zu den weder korrekten noch umsetzbaren Behauptungen der Brexit-Befürworter in den britischen Referendums-Kampagnen. Doch wie die Mehrheit auf der Insel für das lange Zeit Undenkbare stimmte, kann auch Trump allen Erwartungen zum Trotz Präsident werden. Grob gesprochen steht es zwischen ihm und Clinton derzeit 40:40. Es kommt bis zum 8. November darauf an, wer von beiden bei den übrigen 20 Prozent mehr Motivation schafft. Alles ist möglich.

    Der Hass auf das Establishment, das Bedienen von Verschwörungstheorien und "Mainstream"-Verdächtigungen hat längst auch die sozialen Netzwerke in Deutschland erreicht und schwappt in der Folge von Euro- und Flüchtlingskrise in die deutsche Politik. Auch in den Kommentarspalten von deutschen Medien wimmelt es nur so von "einfachen" Alternativlösungen, auf die die politische Kaste in ihrer angeblichen Abgehobenheit von der Stimmung im Volk leider nicht komme. Die Trumpisierung komplexer Zusammenhänge ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Insofern ermöglicht der Blick auf den US-Wahlkampf eine Vorahnung auf das, was mit der üblichen zeitlichen Verzögerung auch in Deutschland irgendwann einmal ausgetragen werden könnte.

    E-Mail: gregor.mayntz@rhein-zeitung.net

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