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    Humor muss dem Terror die Stirn bieten: Feiern ist zu wenig

    Wäre es unklug, als Karnevalist an Rosenmontag mit einer Verballhornung von Mohammed durch die Straßen von Köln zu ziehen? Ja, es würde religiöse Gefühle von Muslimen verletzen, die sich vielleicht ebenfalls den Rosenmontagszug anschauen und einfach völlig losgelöst feiern möchten.

    Christian Kunst
    Christian Kunst
    Foto: Jens Weber

    Christian Kunst zum Rückzieher der Kölner Karnevalisten

    Und ja, es könnte auch Verblendete wie die Attentäter von Paris auf den Plan rufen, die unter dem Deckmantel angeblicher tiefer Religiosität mitten im Kölner Karneval Menschen töten könnten.

    Doch wäre es auch unklug, einen Narren mit roter Pappnase zu zeigen, der mit seinem Zeichenstift das Gewehr eines Islamisten sinnbildlich zerstört? Vielleicht. Aber solch eine Karikatur, wie sie die Kölner Karnevalisten für einen ihrer Motivwagen geplant hatten, wäre auch eine große Chance, dem Terror von Paris so zu begegnen, wie es die getöteten "Charlie Hebdo"-Redakteure gewollt hätten: auf humoristisch-anarchistische Weise.

    Das Motiv, das Tausende Kölner Karnevalisten bei einer Umfrage im Internet ausgewählt haben, ist eine grandiose Hommage an die Meinungsfreiheit, deren Fundament in Paris auf mörderische Weise angegriffen wurde. Die Schöpfer dieses Motivwagens haben begriffen, dass der Angriff auf die Meinungsfreiheit auch einer auf die Narrenfreiheit gewesen ist. Wenn das Festkomitee des Kölner Rosenmontagszugs dieses Motiv jetzt zurückzieht, um den Narren ein unbeschwertes Feiern zu ermöglichen, dann führen sie sich selbst ad absurdum.

    Wer den rheinischen Karneval auf das bloße Feiern reduziert, der raubt den Narren nicht nur die Geschichte, sondern auch ihren tieferen Sinn. Gerade in Karnevalshochburgen wie Köln, Mainz oder Düsseldorf ging es den Jecken immer auch darum, den Herrschenden oder denjenigen, die Menschen beherrschen wollen, den Spiegel vorzuhalten. Ob Kanzlerin Angela Merkel, Bischof Tebartz-van Elst oder selbst der frühere Papst Benedikt - alle bekamen auf den Motivwagen ihr Fett ab. Es ist die Freiheit der Narren, dies zu tun.

    Natürlich kennt auch die Narrenfreiheit Grenzen. Deshalb ist es gerade jetzt vernünftig, auf Motive zu verzichten, die Muslime verletzen könnten. Wobei: Dies kann nicht auf Dauer jeden närrischen Umgang auch mit Muslimen und dem Islam ausschließen. Schließlich müssen sich auch Katholiken gefallen lassen, dass ihr Papst im Karneval mal durch den Kakao gezogen wird. Doch auf ein Motiv zu verzichten, das sich gegen den Terror stellt und für die Meinungsfreiheit einsetzt, ist fatal - gerade jetzt, wenn viele Menschen aufmerksam ins Rheinland schauen. Denn so geben die Karnevalisten eine der stärksten Waffen aus der Hand, die eine Demokratie im Kampf gegen Islamisten hat: die Freiheit, seine Meinung zu äußern. Humor muss dem Terror die Stirn bieten - Feiern ist zu wenig.

    E-Mail: christian.kunst@rhein-zeitung.net

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