40.000
  • Startseite
  • » Kino & TV
  • » Kinonews
  • » Vor 35 Jahren wurde Pasolini ermordet
  • Aus unserem Archiv
    Rom

    Vor 35 Jahren wurde Pasolini ermordet

    Sein Tod hätte seinem Roman «Una vita violenta» (1959) entstammen können: In der Nacht zum 2. November 1975 fährt der Dichter, Filmemacher, Schriftsteller, Publizist und Querdenker, Pier Paolo Pasolini, mit seinem Auto an den «Idroscalo» am Strand von Ostia.

    Pier Paolo Pasolini
    Der italienische Filmregisseur Pier Paolo Pasolini prüft während Dreharbeiten am 20. Oktober 1962 in Rom die Kameraeinstellung.

    Die Gegend ist verrufen. Es ist regnerisch und kalt. Mit im Wagen sitzt ein 17 Jahre alter Stricher - Giuseppe Pelosi, genannt «Pino, la Rana» (Pino, der Frosch). Am Morgen danach wird die Leiche des 53-jährigen Pasolini gefunden - erschlagen, verstümmelt und offenbar mehrere Male von einem Auto überfahren. Was genau in jener Nacht am Meer vor den Toren Roms geschah, ist bis heute unklar.

    Zunächst wird Pelosi 1979 in letzter Instanz zu neun Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt. «Pino, la Rana» hatte den Mord gestanden. Es sei Selbstverteidigung gewesen, behauptete der Strichjunge. Pasolini habe ihn im Zentrum Roms aufgelesen. Noch im Auto sei ein Streit entbrannt, weil der Dichter von ihm Dienste verlangte, die er nicht erbringen wollte. Pasolini sei gewalttätig geworden und er habe ihn in Notwehr erschlagen.

    Mit dieser Aussagen sind alle zunächst zufrieden. Zu gut scheint alles ins Bild zu passen, der Fall wird archiviert. Denn Pasolini war für die Gesellschaft des Italiens der 1960er und 1970er Jahre ein schwer verdaulicher Künstler. Immer wieder spielen seine Geschichten in der vom Bürgertum lieber ignorierten Welt der Huren, Stricher und Gauner der römischen Vorstädte. 

    Seine Prosawerke über die Welt des Lumpenproletariats «Ragazzi di vita» (Kerle des Lebens) und «Una vita violenta» (Ein gewaltsames Leben) erregen Aufsehen, aber auch Anstoß. «Accattone« (Bettler) über die Jugendlichen in den Barackenvierteln von Rom ist 1961 sein erster Filmerfolg. 1962 folgt «Mamma Roma» mit Anna Magnani.

    Doch für viele bleibt seine Prosa sperrig und zudem durchzogen von sexuellen Freizügigkeiten. Als «Frucht einer Intelligenz auf dem Weg zur Selbstzerstörung» zerrissen Medien seinen letzten Film über die letzten Tage der Mussolini-Diktatur «Salò o le 120 giornate di Sodoma» (Die 120 Tage von Sodom), der wegen seiner sexuellen Exzesse in Italien zunächst verboten wurde. Erst Ende 1975 konnte er in Paris uraufgeführt werden. Und Martin Scorseses positives Urteil über das Werk, dass «Liebesgedichte eines Menschen (...) für einen anderen Pornografie sein» können, kommt posthum. Zu Lebzeiten eckte der kulturkritische Freibeuter vor allem und bei allen an.

    «Es lebe die Armut. Es lebe der kommunistische Kampf für die lebensnotwendigen Dinge», hieß eine seiner in den kulturkritischen «Freibeuterschriften» verbreiteten Politparolen. Doch wurde Pasolini schon früh von der Kommunistischen Partei ausgeschlossen: Wegen seiner homosexuellen Neigungen und, weil «die verderblichen Einflüsse gewisser ideologischer und philosophischer Strömungen der diversen Gide, Sartre und anderer dekadenter Poeten und Literaten» mit der Ideologie der Partei unvereinbar seien. Kurz: Pasolini wollte in kein Raster so richtig passen. Sein gewaltsamer Tod am Strand hingegen passte allen ins Bild.

    Dann aber widerruft Pelosi unerwartet und öffentlich 2005 - nach abgesessener Haftstrafe - sein Geständnis. Pasolini sei nicht von ihm, sondern von mehreren Männern erschlagen worden, erzählt er plötzlich in einem spektakulären Interview mit dem italienischen RAI-Fernsehen. Freunde und Anhänger Pasolinis atmen auf. Er sei der Köder gewesen in einer extra für Pasolini vorbereiteten Falle, so Pelosi. «Ich war nicht allein», sagt der Lockenkopf vor der Kamera. Drei Männer seien gekommen und hätten den Dichter angegriffen. «Während sie ihn zu Tode prügelten, schrien sie: Dreckiger Kommunist!»

    Trotz des Interviews blieb die Akte Pasolini zunächst geschlossen. Heute liegt der römischen Staatsanwaltschaft jedoch eine weitere Zeugenaussage vor, die Pelosis letzter Version ähnelt. Einer der armen Anwohner der Gegend um den Tatort, wo ein Denkmal an den ermordeten Pasolini erinnert, habe damals Sergio Citti - einen mit Pasolini befreundeten Regisseur und Schauspieler («Accattone») - ein Interview gegeben. Aus Angst habe er jedoch nicht bei der Polizei vorgesprochen. Demnächst soll entschieden werden, ob Anklage erhoben werden kann, auf neuer Basis - gegen wen auch immer, für eine späte Gerechtigkeit 35 Jahre nach dem Mord am Strand.

    Kinonews
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!