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Toronto

Torontos Filmfest-Chef: «Ganz gern die Querdenker»

dpa

Das Filmfest von Toronto präsentiert vom 10. bis 20. September fast 400 Filme. Wie sich Toronto zu einer international angesehenen Filmmetropole entwickelt hat, erzählt Festivalchef Piers Handling im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Piers Handling
Piers Handling ist Chef von Torontos Film Festival.
Foto: Warren Toda – dpa

Frage: Herr Handling, Sie haben das Toronto International Filmfest (TIFF) von Anfang an begleitet. Was hat sich in 40 Jahren geändert?

Antwort: So ziemlich alles. Ich habe in der ganzen TIFF-Geschichte nur zwei Festivals verpasst, bei den ersten war ich noch als Zuschauer dabei. Ab Jahr sieben habe ich mitgearbeitet. Damals gab es fünf Vollzeitkräfte, heute sind es 200. Stars waren rar, mittlerweile kommen sie in Scharen. Doch bereits damals konnte man die Begeisterung in der Stadt spüren. Es war eine sehr aufregende Zeit.

Frage: Toronto war damals nicht gerade das Zentrum der nordamerikanischen Filmindustrie.

Antwort: Das zu kreieren hatten sich die drei TIFF-Gründer, alles Filmproduzenten, gar nicht als Ziel gesetzt. Sie wollten eine Plattform für ihre eigenen Filme schaffen und gleichzeitig den Kanadiern eine Möglichkeit geben, ausländische Filme zu sehen – und vor allem ein Bewusstsein dafür aufzubauen.

Frage: War die Nachfrage groß?

Antwort: Anfangs beeinflusste eher ein Kern aus Künstlern und Filmemachern die Richtung. Mitte der 70er war Toronto eine komplett andere Stadt – 100 Prozent weiß. Es gab kaum andere ethnische Gruppen. Toronto mangelte es an einer eigenen, echten Kultur. Es fühlte sich klein an, regelrecht provinziell. Erst in den 80ern wurde die Stadt multikultureller. Die leidenschaftliche Filmbegeisterung, die wir heute hier haben, wuchs mit dieser Entwicklung mit.

Frage: Erklärt das, warum jährlich so viele in Toronto zehn Tage Urlaub nehmen, um beim TIFF als Freiwillige mitzuhelfen?

Antwort: Absolut. Das TIFF ist jedermanns Baby, alle möchten babysitten. Sprechen Sie mal die Leute auf der Straße auf das Filmfest an. Die meisten werden mit leuchtenden Augen erzählen, wie viele Jahre sie schon als Freiwillige mitarbeiten. Darauf sind wir sehr stolz.

Frage: Cannes hat den Strand, Venedig den Lido – was bietet Toronto?

Antwort: Alter Charme, Exotik und Geschichte mögen zwar fehlen, die Stadt ist aber auf ihre ganz eigene Weise einzigartig. Und im Unterschied zu anderen Millionenstädten ist Toronto sicher. Die ethnischen Konflikte eines London oder New York fehlen. Ein immer noch kleinstädtisches Flair mischt sich mit den Annehmlichkeiten einer Großstadt. Bei den Besuchern kommt das gut an.

Frage: Was ist der nächste Schritt?

Antwort: Eine globale Institution mit internationalen Events zu werden. Tägliche Programme haben wir hier bereits. In den nächsten fünf Jahren liegt unser Schwerpunkt auf vier Städten: London, New York, Los Angeles und Peking. Wir werden unsere Programme und den kanadischen Film in diese Städte bringen. Der heimische Markt ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Frage: Hat das Filmfest selbst ein Limit?

Antwort: Das haben wir bereits erreicht. Das TIFF ist in den letzten Jahren stetig gewachsen, es darf nicht aus den Fugen geraten. 399 Filme aus 79 Ländern,132 Weltpremieren sind eine ganze Menge, das reicht.

Frage: Gab es je Überlegungen, beim TIFF eine offizielle Filmjury einzuführen?

Antwort: Schon oft. Aber das würde den Ton des Festivals verändern. Wir sind ganz gern die Querdenker, die, die es anders machen als alle anderen. Ganz ehrlich: Bei Filmfesten geht es oft um Politik. Die TIFF-Gründer wollten sich auch von möglicher Manipulation und Diskussionen, warum die Jury für diesen und nicht den anderen Film gestimmt hat, absetzen. Wenn die Öffentlichkeit einen Film auswählt, dann ist das eine Massenentscheidung – extrem simpel, aber mit viel Power.

Frage: Ernst genommen zu werden war nie ein Problem?

Antwort: Im Gegenteil. Bisher traf das Publikum immer den Nerv. Und letztlich sind es ja auch die Zuschauer, die den Film lieben sollen. Das kreiert eine sehr entspannte Atmosphäre, vor allem für die Filmemacher.

Frage: In 40 Jahren passieren sicher viele Pannen und lustige Momente.

Antwort: Oh ja! Von falschen Filmprints über Nervenzusammenbrüche bis zum Filmemacher, der sich während der Einführung auf der Bühne plötzlich splitterfasernackt auszog.

Frage: Woran erinnern Sie sich am liebsten?

Antwort: An die «Borat»-Premiere. Der Projektor fiel aus. Michael Moore saß im Publikum, stand auf und vollführte mit Sacha Baron Cohen 30 Minuten lang eine Tanz-und Gesangsnummer, während wir versuchten, das Gerät zu reparieren. Die Einlage wurde zum Youtube-Hit.

Frage: Das TIFF gilt mittlerweile als Wegweiser für den Oscar. Fluch oder Segen?

Antwort: Ein bisschen von beidem. Aber es ist nun mal der begehrteste Preis der Filmwelt. Das bringt große Aufmerksamkeit, aber auch großen Druck. Heutzutage müssen wir zum Glück nicht mehr um die großen Filmemacher kämpfen, sie kommen ohnehin. Schade ist, dass die Filme, die als Oscar-Kandidaten gehandelt werden, den kleineren Filmen die Luft entziehen.

ZUR PERSON: Piers Handling kommt aus Montreal, lebte unter anderem in England und ging im westfälischen Hamm zur Schule. Er begann seine Karriere am Canadian Film Institute (CFI) und wurde dort Deputy Director. 1982 stieg er beim Toronto International Film Festival ein, seit 1994 ist er der Direktor und CEO. Unter seiner Feder wuchs die TIFF Group zu einer kulturellen Institution mit Ganzjahresprogrammen. 2010 eröffnete er den neuen permanenten Sitz an der King Street, einen als «Tiff Bell Lightbox» bekannten Glasbau. Das TIFF (10.- 20. September 2015) findet jährlich über elf Tage hinweg ohne Wettbewerb unmittelbar nach den Internationalen Filmfestspielen von Venedig statt.

Website des Festivals

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