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Paris

Stummfilme: Sehnsucht nach dem Reich der Stille

dpa

Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. Dennoch war das Interesse an Stummfilmen noch nie so groß wie heute. Nostalgie? Furcht vor dem gesprochenen Wort? Ersatz für unsere Träume?

The Artist
Ohne Worte: «The Artist».
Foto: Delphi Filmverleih – DPA

Gruselige Schatten an der Wand, Türen, die im Halbdunkeln zufallen. Das Werk «Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens» von Friedrich Wilhelm Murnau hat alles, was ein guter Film braucht. Atmosphärische Kontraste aus Licht und Dunkelheit, subtile Andeutungen, rasche Schnitte. Worte braucht der Film nicht.

Ebenso wenig wie der jüngste Stummfilm-Erfolg «The Artist», der bei den diesjährigen Oscars zehnmal nominiert ist. Der eine Film wurde 1922 gedreht, der andere knapp 90 Jahre später. Dass dazwischen die Entwicklung zu virtuellen 3D-Welten erfolgte, spielt keine Rolle. Für viele haben Stummfilme ihren Reiz nie wirklich verloren, denn gerade die Wortlosigkeit kann unter die Haut gehen, verzaubern, berühren.

«Einen Film ohne Worte zu drehen, setzt alles auf die Sinneskraft, auf Eindrücke und Gefühle. Der Stummfilm antwortet auf die Erwartungen des Kinos», erklärt Jean Dujardin. Wortlose Bilder haben den französischen Darsteller, der in «The Artist» den fiktiven Stummfilmstar George Valentin spielt, in die Liga der internationalen Stars katapultiert. Ironie des Schicksals: Während in dem Erfolgsfilm der Stern von Valentin durch das Aufkommen des Tonfilms sinkt, wurde Dujardin in einer Welt des Tons und der Farbe durch die Welt ohne Worte zum internationalen Star.

Das Schweigen: der Charme des Stummfilms. Mit diesem Thema setzten sich in den 20er Jahren schon große Kultur-Essayisten auseinander wie Robert Musil und Hugo von Hofmannsthal. Beide sahen durch die Sprache eine der intensivsten Mitteilungsformen zerstört. Hofmannsthal sah in dem Stummfilm sogar den Ersatz für Träume.

«Dass diese Bilder stumm sind, ist ein Reiz mehr; sie sind stumm wie Träume. Und im Tiefsten, ohne es zu wissen, fürchten die Leute die Sprache», schreibt Hofmannsthal in seinem Essay «Der Ersatz für die Träume» aus dem Jahr 1921. Die Leute seien der Worte müde, die sich vor die Dinge gestellt haben, analysierte er. Womit der Sozialkritiker nichts anderes meinte als Dujardin heute, wenn er sagt, dass der Stummfilm ein wahres Schauspiel sei im Sinne von «back to the roots», zurück zu den Wurzeln des Kinos.

Die Sehnsucht nach dem Reich der stummen Bilder ist nicht neu. Immer wieder werden Stummfilm-Zyklen gezeigt, verstärkt in den vergangenen Jahren. Auf der 60. Berlinale wurde vor zwei Jahren das restaurierte Meisterwerk «Metropolis» von Fritz Lang vorgestellt und Stummfilmkonzerte füllen immer wieder Säle bis zum letzten Platz. Das Leinwandspektakel «Ben Hur» wurde erst vor kurzem in Berlin aufgeführt mit Stephan von Bothmer (Carsten-Stephan Graf von Bothmer) am Klavier, einer von wenigen Stummfilmpianisten weltweit.

Mit seinem improvisatorischen Wagemut hat der 40-Jährige bisher über 500 Stummfilme vertont – ein beachtliches Repertoire. Die Fortschritte in den aufwendigen Restaurierungstechniken machen sich bemerkbar. Immer mehr stumme Werke kommen auf den Markt.

Meistens werden Klassiker gezeigt, vor allem des deutschen Expressionismus: «Nosferatu», «Metropolis», «Das Kabinett des Dr. Caligari», Werke von legendären Regisseuren wie Fritz Lang, Georg Wilhelm Pabst, Ernst Lubitsch oder auch Alfred Hitchcock. Es sind unvergessene und einzigartige Werke. Auch wenn ein besonderer Reiz in der Sprachlosigkeit und dem daraus resultierenden «sensoriellen Schauspiel» liegt, wie Dujardin sagt, gilt auch hier dasselbe wie für den Tonfilm: Es muss gutes Kino sein, mit oder ohne Worte.

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