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Venedig

Rick Ostermann: Ergreifende Schicksale in «Wolfskinder»

dpa

Der deutsche Regisseur Rick Ostermann hat sich für sein Debütfilm ein eher unbekanntes Kapitel der deutschen Geschichte ausgesucht.

Rick Ostermann
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs mussten sich zahlreiche Kinder in Ostpreußen ohne ihre Eltern durchschlagen. Rick Ostermann hat ihnen einen Film gewidmet.
Foto: Ursula Düren – DPA

In «Wolfskinder» erzählt der 35-Jährige die erschütternde Geschichte der Mädchen und Jungen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ohne ihre Eltern in Ostpreußen ums Überleben kämpfen mussten.

Beim Filmfest Venedig feierte der Film im vergangenen Jahr seine Weltpremiere. Im Interview der Nachrichtenagentur dpa spricht Ostermann über seine persönlichen Bezüge zum Thema und über Kinder als Opfer von Kriegen.

Frage: Sie haben für Ihr Debüt historisches Material recherchiert und mit ehemaligen Wolfskindern gesprochen. Wie viele dieser realen Schicksale stecken nun in dem Spielfilm «Wolfskinder»?

Antwort: Ich habe einige lebende Wolfskinder in Deutschland besucht und sie interviewt. Dazu habe ich die mir bekannte Literatur über die sogenannten Wolfskinder gelesen und mich außerdem mit Historikern getroffen. All diese Geschichten habe ich als Fundament für meinen Film benutzt. Die Schicksale waren jedoch so schlimm und ergreifend, dass sie für die Kinoleinwand zu hart gewesen wären. Aber genau diese heftigen Erzählungen und Erfahrungen, die diese Wolfskinder mit mir geteilt haben, haben mich noch mehr darin bestärkt, den Film machen zu wollen – beziehungsweise machen zu müssen.

Frage: Viele der Wolfskinder lebten jahrzehntelang unter falscher Identität in Litauen. Ihre Schicksale wurden häufig erst nach der Auflösung der Sowjetunion bekannt. Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden?

Antwort: Meine Mutter ist im Alter von vier Jahren mit ihrem älteren Bruder und ihren Eltern aus dem damaligen Ostpreußen geflohen. Über die Familiengeschichte und über das daraus entstanden Interesse an weiteren Schicksalen dieser Zeit bin ich eines Tages auf die Wolfskinder aufmerksam geworden. Die Identität und die Suche nach Identität sind ein wesentlicher Teil meiner Geschichte. Denn das ist es ja, was das Schicksal dieser Kinder so spannend, außergewöhnlich und exemplarisch gemacht hat.

Frage: Der Film vermeidet die typische Ästhetik, die man mit Filmen verbindet, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielen. Wie würden Sie Ihre stilistische Herangehensweise beschreiben?

Antwort: Für mich war von Anfang an klar, dass die Natur der zweite Hauptdarsteller ist. Daher haben meine Kamerafrau Leah Striker und ich uns überlegt, wie wir die Kinder mit ihrem Schicksal und der Natur in Einklang bringen können. Ein Vorbild war die Naturfotografie von Ansel Adams. So wie er, wollte ich lange Brennweiten vermeiden, die durch Unschärfen die Kinder von der Natur separieren. Nicht nur unserm Budget geschuldet, sondern auch unserem visuellem Konzept, haben wir uns bei dem Film auf zwei Brennweiten reduziert. Was super funktioniert hat. Hinzu kommt, dass wir fast alles mit einer ruhigen Handkamera gedreht haben, weil ich immer nah an den Kindern sein wollte und sehen und «fühlen» wollte, was sie erleben.

Frage: Haben Sie in visueller Hinsicht ein Vorbild?

Antwort: Regisseur Terrence Malick ist ein Art Richtschnur für uns gewesen, denn wir haben uns so wie er, so oft wir konnten auf das natürliche Licht verlassen. Was manchmal auch dazu geführt hat, Einstellungen nicht so oft zu drehen, wie man es unter normalen Umständen vielleicht getan hätte. Man ist ja immer auf der Suche nach dem magischen Moment und diesen zu finden, war immer eine große Herausforderung – aber mit den Kindern auch oft ein großes Geschenk. Im Schnitt war ich dann von diesen oft nicht voll und ganz durchgeplanten Sequenzen richtig positiv überrascht. Da sie immer «echt» waren und die Kinder, wie gewünscht, in dem «Naturumfeld» einbetteten.

Frage: Wegen zahlreicher Konflikte und Kriege kämpfen auch heute weltweit viele Kinder und Jugendliche auf sich allein gestellt ums Überleben. Ist Ihr Film vor diesem Hintergrund auch ein Appell, vor diesen Schicksalen der Gegenwart nicht die Augen zu verschließen?

Antwort: Ich denke, dass Kinder leider viel zu oft zu unschuldigen Opfern von Auseinandersetzungen und Kriegen werden. Ich habe mir ein Schicksal aus der Geschichte ausgewählt, weil ich es für besonders erzählenswert hielt und viele Menschen dieses Thema nicht kannten. Im Großen und Ganzen soll der Film exemplarisch für viele, viele Schicksale von Kindern sein, die sich täglich und stündlich auf der Welt ereignen.

ZUR PERSON: Rick Ostermann wurde 1978 im nordrhein-westfälischen Paderborn geboren. Er arbeitete zunächst unter anderem als Regieassistent – wie bei «Die kommenden Tage» (2010) und «Meine Schwestern» (2013) von Lars Kraume. «Wolfskinder» ist sein Spielfilmdebüt.

Produktionsseite zum Film

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