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    Toronto/Berlin

    Margarethe von Trotta über Hannah Arendt

    Starke Frauen sind Margarethe von Trottas Gebiet. Dass sie sich für ihren aktuellen Film die Philosophin Hannah Arendt ausgesucht hat, passt in das Werk der deutschen Filmemacherin, die unter anderem «Rosa Luxemburg», «Rosenstraße» und «Die bleierne Zeit» gedreht hat.

    Margarethe von Trotta
    Margarethe von Trotta ist es leid, auf ihre Rolle als Frauenrechtlerin reduziert zu werden.
    Foto: Henning Kaiser - DPA

    Trotzdem fühle sie sich bei jedem Projekt wie eine Anfängerin, sagte von Trotta (70) im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

    Gemeinsam mit Pam Katz habe sie sich für das Drehbuch jahrelang durchs das Werk der Denkerin und die Unterlagen des Prozesses gegen Adolf Eichmann gearbeitet, einen der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von Millionen Juden durch die Nazis. «Hannah Arendt» feierte im September beim Toronto International Film Festival (TIFF) Weltpremiere.

    Warum gab es bisher keinen Film über Hannah Arendt?

    Von Trotta: «Ja, das wundert mich auch. Allerdings gibt es über die wenigsten Philosophen Filme, und dann ist sie auch noch eine Frau. Viele schrecken zurück, weil es nicht nach einem Kassenschlager klingt. Und es sind Themen, in die man sich unglaublich intensiv einarbeiten muss. Mit "schnell schnell" kommt man nicht weiter.»

    Das hat Sie wiederum nicht abgeschreckt.

    Von Trotta: «Mir macht das ja auch Spaß. Ich liebe es, die ewige Studentin zu sein. Mit jedem Film lerne ich und es kommt noch etwas dazu. Am Anfang wollten wir einen Film über ihr Leben machen, nach und nach kam der Prozess in den Vordergrund. Eichmann ist ja auch für Deutschland etwas ganz anderes. Den zu sehen, das nimmt einen einfach mit. Seine ganze grauenhafte Mittelmäßigkeit. Wer die Bilder sieht, kommt eigentlich zum selben Ergebnis wie Hannah. Wie sie muss man einfach über ihn lachen, wenn er sagt "Ich werd' hier gegrillt wie ein Rumpsteak".»

    Die Reaktionen auf Arendts Artikel im «New Yorker» über den Eichmann-Prozess waren bitter. Arendt wurde aufs Heftigste kritisiert und geschnitten.

    Von Trotta: «Man kann sich gar nicht vorstellen, wie scharf sie von allen Seiten angegriffen wurde. Das möchte ich nicht durchmachen. Ich habe auch schon viele schlimme Sachen erlebt, die gegen mich geschrieben worden sind, aber das war extrem. Sie hat das nicht kommen sehen. Arendt hatte einen intellektuellen Diskurs erwartet und nicht diese persönliche Betroffenheit. Sie war schockiert, dass ihr Ton so missverstanden wurde. Oder auch, dass sie nicht einschätzen konnte, wie verletzend er auf andere wirken könnte.»

    Arendts Mann Heinrich Blücher stand ihr immer zur Seite.

    Von Trotta: «Absolut. Er war der wichtigste Mann in ihrem Leben. Deshalb haben wir die Liebesgeschichte mit Martin Heidegger auch nur angekratzt. Blücher war der Lebensgefährte, der immer zu ihr hielt, der ihr Zuhause war. Wenn zwei zusammen im Exil sind und durch die gleichen Erfahrungen gingen, haben sie eine ganz spezielle Verbindung. Da konnte doch der Heidegger gar nicht mithalten.»

    Woher kommen die engen Beschreibungen der Verbundenheit zwischen Arendt und Blücher?

    Von Trotta: «Wir haben in New York fünf bis sechs Mal die echte Lotte Köhler getroffen, die im Film von Julia Jentsch gespielt wurde und bei unseren Treffen gut 90 Jahre alt war. Sie wurde mit jedem Mal offener und erzählte viel Privates. Zum Beispiel, dass Blücher durchaus ein Womanizer war und Affären hatte. Er war aber auch sehr inspirierend für Hannahs Arbeit. Durch seinen Einfluss wurde sie zur politischen Denkerin. Und er hat Köhler auch gesagt "ich werde die Hannah nie verlassen". Naja, wer verlässt schon so eine tolle Frau?»

    In diesen Szenen mit ihm wirkt Hannah Arendt sehr sanft und emotional.

    Von Trotta: «So haben das mehrere Leute erzählt. Für ihn war sie zuhause auch die perfekte Hausfrau. Er war schon ein Macho, aber das liebte sie ja. Meine Bekannte, die öfters bei ihr zu Besuch war, erzählte, dass Hannah meist mit der Schürze in der Küche stand.»

    Haben Sie den Film auch wegen Hannah Arendts unterschiedlichen Seiten als schwierigsten ihrer Karriere empfunden?

    Von Trotta: «Naja, ich habe bei jedem Film das Gefühl, dass ich wieder von vorne anfangen muss, dass ich ein kleines Schülerlein, eine Anfängerin bin. Bei Rosa Luxemburg war ich bei der Recherche zwei Jahre einfach krank vor Angst, dieser Person nicht gerecht zu werden. So war es hier auch. Aber je mehr man leidet, desto wichtiger wird es einem. Das ist ein bisschen wie in der Liebe.»

    Interview: Manuela Imre, dpa

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