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Lars von Trier: Das Übel sollte erzählt werden

Mit „The House That Jack Built“ ist Lars von Trier wieder an die Schmerzgrenze gegangen. Dass aus dem Cannes-Film über einen Serienkiller Zuschauer vorzeitig gegangen sind, findet der Däne gut.

Filmfestival in Cannes
Lars von Trier (M) mit Bruno Ganz (l) und Matt Dillon bei der Premiere von «The House That Jack Built» in Cannes.
Foto: Vianney Le Caer/Invision/AP – dpa

Cannes (dpa). „Unerträglich“ und „grausam“: Das waren Reaktionen von Zuschauern, die Lars von Trier (62) mit dem Film „The House That Jack Built“ über einen Serienkiller in Cannes aus der Vorführung geekelt hat. Ohne Bedauern.

In seinen Werken versuche er immer, so weit wie möglich zu gehen, erklärte der dänische Skandalregisseur in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur auf dem Festival. Der Film mit Matt Dillon und Bruno Ganz wurde in Cannes außerhalb des Wettbewerbs gezeigt.

Frage: Wollten Sie mit dem Thriller schockieren?

Lars von Trier: Ich versuche immer, so weit wie möglich zu gehen. Das Publikum kann aus der Vorführung gehen oder nicht. Aber Dinge, die im wahren Leben passieren, sind schlecht, übel und böse. Und das sollte in Filmen erzählt werden, gleich ob Fiktion oder nicht.

Frage: Es stört Sie also nicht, wenn die Zuschauer vorzeitig Ihre Filme verlassen?

Antwort: Das ist gut so, denn das bedeutet, dass der Film etwas bewegt, zu denken gibt.

Frage: Sie wurden vor sieben Jahren wegen Ihrer Aussage, dass Sie ein „ein bisschen“ mit Adolf Hitler sympathisieren, in Cannes zur „persona non grata“ erklärt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Antwort: Ich denke, ich bin Opfer von Twitter geworden. Das war sehr schmerzlich. In meiner Heimat hätte man mich richtig verstanden. Ich war naiv, denn Frankreich hat große Probleme mit seiner Vergangenheit und dem Vichy-Regime. Ich hätte das wohl eher noch in Deutschland sagen können, nicht aber in Frankreich.

Frage: Hat Sie das überrascht, dass Sie seit diesem Skandal im Jahr 2011 wieder nach Cannes geladen wurden?

Antwort: Damit habe ich nicht gerechnet. Das war ebenso überraschend wie zur persona non grata erklärt zu werden. Aber eigentlich bin ich sogar etwas stolz darauf, denn ich kenne niemanden außer mir, der diesen Status erhalten hat. Nicht mal Harvey (Weinstein).

Frage: Was halten Sie von der #MeToo-Debatte, die das diesjährige Festival bestimmt und immer größere Kreise zieht?

Antwort: Niemand kann fehlerfrei durchs Leben gehen. Jeder hat irgendwann einmal etwas zu bedauern. Aber das ist eine gute Idee, dafür ist auch das Internet gemacht. Ich sehe darin aber auch Gefahren. Menschen werden schuldig gesprochen ohne Richter.

Frage: Ist Ihr aktueller Film mehr noch als die vorherigen ein Selbstporträt?

Antwort: Er ist nicht als Selbstporträt gedacht. Aber ich finde mich in allen Charakteren wieder. In dem des Serienkillers Jack am meisten. Er glaubt, dass er ein Künstler ist, und das glaube ich auch von mir.

ZUR PERSON: Lars von Trier wurde am 30. April 1956 in Kopenhagen geboren. Der Filmregisseur und Drehbuchautor ist Mitbegründer der Dogma-Bewegung. Er gehört zu den bedeutendsten, aber auch umstrittensten zeitgenössischen Regisseuren. Zu seinen preisgekrönten Filmen gehören „Dogville“, Melancholia“ und „Dancer in the Dark“, für den er in Cannes 2000 die Goldene Palme erhielt.

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