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    Prag

    Havels «Abgang»: Politik ad absurdum geführt

    Als sein zackiger Nachfolger Vlastik Klein auf dem Gelände der Staatsvilla ein Einkaufszentrum und Bordell etablieren will, bricht für Ex-Kanzler Vilém Rieger eine Welt zusammen.

    Vaclav Havel
    Vaclav Havel wurde für seinen Kampf gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei bekannt.
    Foto: DPA

    Eben genoss er noch den launischen Sommer, jetzt soll er mitsamt den Frauen seines Lebens die Sommerresidenz räumen.

    Der Film «Abgang» ist das Regiedebüt des früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel, es basiert auf seinem gleichnamigen Theaterstück, das 2008 uraufgeführt wurde. Der Streifen, der am Donnerstag in die tschechischen Kinos kam, ist von Anfang an gespickt mit Selbstironie. Unverkennbar ist im Gegensatz zwischen Klein und Rieger die Dauerfehde von Havel mit seinem neoliberalen Rivalen und Nachfolger Vaclav Klaus zu erkennen, der in der Transformationsphase der 90er Jahre die «Marktwirtschaft ohne Adjektiv» propagiert hatte.

    Havel spielt mit seinem medialen Image, wenn er Rieger (Josef Abrhám) eine Baseball-Kappe mit der Aufschrift «I love you» aufsetzt oder auf einer Mauer das Graffiti «Havel auf die Burg» zu sehen ist, wenig später ersetzt durch «Wir haben genug von Havel». Auch hält der Ex-Kanzler Rieger unbeirrt politische Reden, als wäre er noch in Amt und Würden. Rieger bleibt aber als Pragmatiker eine letztlich unsympathische Gestalt, die ganz im Gegensatz zum Idealisten und Weltverbesserer Havel steht.

    Dramatiker, Präsident und jetzt Filmregisseur - Havel kehrt mit seinem Streifen zu seinen künstlerischen Wurzeln im «Divadlo na Zabradli», dem «Theater am Geländer» in der Nähe der Prager Karlsbrücke, zurück. Dort wurde er, dem die kommunistische Kaderpolitik seiner bourgeoisen Herkunft wegen das Filmstudium verweigerte, in den 1960er Jahren Bühnentechniker.

    Theater ist eine Leidenschaft Havels, die er während seiner vierzehnjährigen Amtszeit als tschechoslowakischer und dann tschechischer Präsident von 1989 bis 2003 wenig ausleben konnte. Wie ein roter Faden zieht sich sein ganz eigenes Konzept des «absurden Theaters» durch alle seine Stücke.

    In «Abgang» gibt es kaum Action, ja die ständige Wiederholung der immer gleichen Phrasen wird im absurden Theater gerade zum Prinzip erhoben. Die Wiederholung soll die ideologische Gleichförmigkeit der heutigen Politik entblößen. Alle versprechen niedrige Steuern und hohe Gaben des Wohlfahrtsstaats, doch keiner meint, was er sagt. Die Figuren werden zu Marionetten, zu Gefangenen ihrer eigenen Phrasen.

    Aus einem Theater-Narren wird aber so schnell kein Hollywood-Regisseur. Damit bei aller Wiederholung keine Langeweile aufkommt, fährt Havel ein knallbuntes Kostümfeuerwerk auf. Die Kamera dreht sich um die Akteure, so dass das Bild immer in Bewegung ist. Auch die kleinen Gags sorgen für Erheiterung, sollen den Zuschauern aber vor allem zeigen: Das ist nicht Realität, das ist Spiel. Wenn der Butler zum x-ten Mal über den Stein stolpert, ist die Grenze zum Klamauk aber schnell überschritten, denn das erinnert eher an den - in Tschechien unbekannten - Sketch «Dinner for One».

    Dem Theaterstück hatte Havel noch die Regieanweisung auf den Weg gegeben, es nicht mit Fratzen auszuschmücken: Wenn das Stück wirken solle, müsse es ernsthaft, nüchtern, normal gespielt werden, müsse auf groteske Bewegungen und witzige Regieeinfälle verzichten. Hat der Filmregisseur Havel nicht auf den Dramatiker Havel gehört? Der Ex-Präsident würde das wohl nur mit einem schelmischen Lächeln beantworten.

    Film-Trailer, Englisch

    Website von Vaclav Havel

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