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Greta Gerwig: Ich wäre gern wie Lady Bird gewesen

In ihrem Regiedebüt „Lady Bird“ erzählt die US-Amerikanerin Greta Gerwig von einer rebellischen Teenagerin. Das Werk wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sie selber erfüllt sich mit dem Film einen ganz persönlichen Traum, wie Gerwig im Interview erzählt.

Greta Gerwig
US-Schauspielerin Greta Gerwig wurde für den Oscar für die beste Regie nominiert.
Foto: Jordan Strauss, Invision/AP – dpa

Berlin (dpa). Als Schauspielerin und Drehbuchautorin wurde die US-Amerikanerin Greta Gerwig bekannt.

Nun feiert sie mit ihrem Regiedebüt ihren bislang größten Erfolg: Für „Lady Bird“, der von einer rebellischen Teenagerin erzählt, war sie in diesem Jahr für den Oscar für die beste Regie nominiert – als erst fünfte Frau in der Oscar-Geschichte. Den gewann sie dann zwar nicht, dafür aber zahlreiche andere Auszeichnungen, darunter den Golden Globe in der Kategorie „bestes Musical oder Komödie“.

Sie sei für den Film schon mehr gefeiert worden, „als ich mir das in meinen wildesten Träumen hätte vorstellen können“, erzählte die 34-jährige US-Amerikanerin im Interview der Nachrichtenagentur dpa. „Das ist fantastisch.“

Frage: „Lady Bird“ ist Ihr erster Film, bei dem Sie alleine Regie geführt haben. Wie sind Sie als Regisseurin?

Antwort: Wenn ich Regie führe, kommen nur meine besten Eigenschaften zum Vorschein. Irgendwie werde ich besser als die Summe meiner verschiedenen Teile. Ich weiß nicht, ob das an der Umgebung oder der kollaborativen Natur des Filmemachens liegt – jedenfalls zeigt sich dann die beste Version meines Selbst. Ich weiß auch sehr genau, was ich haben will. So möchte ich zum Beispiel, dass alles genau so gesagt wird, wie ich es im Drehbuch geschrieben habe. Gleichzeitig lasse ich mich von den Schauspielern gern überraschen. Ich möchte, dass sie zu 100 Prozent mit der Rolle verschmelzen. Sie sollen sich wohlfühlen und Dinge ausprobieren können. Ich selber mag Proben (...) und den Aufbau einer gemeinsamen Sprache. Sobald man aber am Set ist, ist die Zeit der Diskussionen vorbei.

Frage: Sie haben selber schon häufig als Schauspielerin gearbeitet. Hat Ihnen diese Erfahrung geholfen, hinter die Kamera zu wechseln?

Antwort: Gerade weil ich so viele Dreherfahrungen hatte, wusste ich, was mich verärgert und wie ich nicht sein wollte. Deswegen habe ich versucht, nur Menschen um mich herum zu haben, mit denen ich viele Stunden am Tag verbringen wollte – und das jeden Tag. Außerdem habe ich Regeln festgesetzt, die mir für eine gute Arbeitsatmosphäre wichtig waren. Dazu gehörte auch, dass ich keine Mobil-Telefone am Set erlaubt habe. Die sind eine enorme Quelle für Ablenkung. Gerade Schauspieler reißt das Lesen auf Plattformen wie Instagram immer wieder aus ihren Rollen.

Frage: Sie sind – wie Ihre Hauptfigur – im kalifornischen Sacramento aufgewachsen. Da drängt sich die Frage förmlich auf: Wie viel von der jungen Lady Bird steckt in Ihnen?

Antwort: Sie ist das Gegenteil von mir! Als ich Teenager war, habe ich mir nie einen anderen Namen gegeben. Ich habe mir nie meine Haare in grellem Rot gefärbt. Ich war eher jemand, die anderen Menschen gefallen wollte. Ich denke, das war auch der Grund, warum ich diese Geschichte geschrieben habe: Dieses Mädchen, das so fehlerhaft, aber gleichzeitig auch sehr mutig und bewundernswert war, gab mir die Chance, etwas zu erkunden, was ich nie sein konnte. Fast wünsche ich mir, ich wäre sie gewesen. Es stimmt natürlich: Ich komme aus Sacramento und bin auf eine katholische Mädchenschule gegangen. Das ist real. Aber die Figur Lady Bird ist die Erfüllung eines Traumes.

Frage: Und wie ist es mit der komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung aus dem Film?

Antwort: Der Charakter der Mutter ist ganz anders als meine Mutter. Das war nichts Autobiografisches – mehr etwas, das sich für mich sehr echt angefühlt hat. (...) Ich hatte keine Probleme, genügend Inspirationen für Mutter-Tochter-Beziehungen zu finden: Man kann jede Frau auf der Straße fragen: „Wie ist die Beziehung zu Ihrer Mutter?“ Das wird nie eine kurze, ein-Satz-Antwort werden! Niemand wird nur sagen „Die ist toll“. Das gibt es einfach nicht; es sind immer sehr komplexe und wunderschöne und sehr nuancierte Beziehungen. Genau diese Dualität, diese Spannung wollte ich darstellen.

Frage: 2010 war Kathryn Bigelow mit „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ die erste Frau, die je einen Regie-Oscar gewann. Sie selbst waren für „Lady Bird“ als erst fünfte Frau für einen Regie-Oscar nominiert. Es ist ein sehr Männer-dominierter Bereich. Wie wichtig sind da weibliche Vorbilder?

Antwort: Die weiblichen Regisseurinnen, die ich kennenlernen durfte, haben mich ermutigt und mir klargemacht, dass man durchhalten muss. Ich hoffe nun selber auch, dass junge Frauen in meinem Alter oder etwas älter sehen, dass ich all dies erreicht habe – mit dem ersten Film, bei dem ich alleine Regie geführt und wo ich selbst das Drehbuch geschrieben habe. Ich hoffe, dass ihnen das ebenfalls die Courage gibt durchzuhalten, dass sie ihre Filme machen und ihre Stimmen gehört werden. Ich weiß noch, wie ich gesehen habe, als Kathryn Bigelow als erste Frau ihren Regie-Oscar gewann. Das hat mir persönlich sehr viel bedeutet. Ich glaube, dass dieses Sichtbarsein sehr wichtig ist.

ZUR PERSON: Greta Gerwig, 34, wuchs im kalifornischen Sacramento auf. Sie machte sich zunächst vor allem als Schauspielerin und Drehbuchautorin einen Namen. So spielte sie an der Seite von Ben Stiller eine der Hauptrollen in der Tragikomödie „Greenberg“ von Noah Baumbach. Die beiden sind seitdem ein Paar und schrieben gemeinsam das Drehbuch zu „Frances Ha“, bei dem Baumbach erneut Regie führte und Gerwig die Hauptrolle spielte. „Lady Bird“ ist der erste Film, für den Gerwig nicht nur das Drehbuch schrieb, sondern bei dem sie auch allein Regie führte.

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