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Berlin

Gemälde mit der Kamera: Wim Wenders wird 65

dpa

Außer einem Oscar hat Wim Wenders schon so ungefähr jeden Filmpreis gewonnen, den man kriegen kann. Im vergangenen Jahr wurde er sogar als Radfahrer geehrt – für seine Vorbildfunktion als Prominenter, ohne Auto auszukommen.

Wim Wenders
Wim Wenders wird 65.

Der international renommierte Regisseur ist einer der wichtigsten Vertreter des «Neuen Deutschen Films» und der einzige, der auch 40 Jahre nach dessen Blütezeit noch voller Elan für die große Leinwand produziert. Am Samstag (14. August) wird der Meister des visuellen Kinos 65 Jahre alt.

Wenders' Filme sind Gemälde mit der Kamera. Mit großartigen Bildern, intensiver Musik und sehr viel Zeit erzählt er Geschichten, die oft von Ruhe- und Heimatlosigkeit und der Suche nach einem inneren Gleichgewicht handeln. «Kaum ein Filmregisseur der Gegenwart hat so nachdrücklich über die Verantwortung des Bildermachens nachgedacht – über das, was Bilder mit uns und aus uns machen», befand die Jury des Filmfestivals von Locarno, die Wenders 2005 mit einem Spezialpreis für seine Verdienste um die Filmkunst auszeichnete.

Zu den schönsten seiner rund 40 Werke gehört bis heute «Der Himmel über Berlin», eine poesievolle und wunderbare Liebeserklärung an die damals noch geteilte Stadt, mit Bruno Ganz als ewigkeitsmüdem Engel. Internationalen Erfolg brachte auch die Patricia-Highsmith-Verfilmung «Der amerikanische Freund» (1977) und vor allem das legendäre Roadmovie «Paris, Texas» (1984), das in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Autor Sam Shepard entstand. Schöner und poetischer ließ sich Autorenkino nicht mit Publikumserfolg paaren.

Interviews zu seinem 65. Geburtstag gibt Wenders nicht gern. Zum Auftakt einer Retrospektive im Arsenal-Kino in Berlin zählte er stattdessen kürzlich 65 Stationen auf, die seinen Weg als Filmemacher prägten – vom ersten Kinobesuch mit seiner Oma über die Freundschaft mit Peter Handke bis zu seiner Zeit in der früheren Wahlheimat Amerika. «Wenn ich all diese Filme hier sehe, habe ich enorm viel Grund, dem Kino zu danken», sagte er.

Eigentlich hatte der Arztsohn aus Düsseldorf nach einem kurzen Medizin- und Philosopiestudium Maler werden wollen. Doch als er 1966 von der Kunsthochschule in Paris abgewiesen wird, verdingt er sich als Kupferstecher in einem Atelier am Montparnasse und entdeckt in der «Cinémathèque Française» seine Liebe zum Kino. Dort kann er für einen Franc bis zu sechs Filme pro Nacht anschauen, nach einem Jahr sind es über tausend. «Ich habe die abenteuerlichsten Filme in den abenteuerlichsten Kombinationen gesehen – ein Crashkurs in Filmgeschichte.»

Nach dem Studium an der damals neuen Hochschule für Fernsehen und Film in München gründet er 1971 mit zwölf anderen den Filmverlag der Autoren, der für künstlerisch anspruchsvolles Kino jenseits kommerzieller Zwänge steht. Mit der Verfilmung von Peter Handkes Roman «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter» (1971) macht Wenders erstmals stärker auf sich aufmerksam. Es folgen das Road Movie «Alice in den Städten» (1973), die neuerliche Handke-Kooperation «Falsche Bewegung» (1975) und das frühe Meisterwerk «Im Lauf der Zeit» (1976).

Ein erster Aufenthalt in den USA Ende der 70er Jahre wird zum Alptraum. Wenders soll für Francis Ford Coppola den Krimi «Hammet» drehen, doch das Projekt zieht sich über vier Jahre hin und endet im Fiasko. Doch während der «Hammet»-Krise entstehen so wunderbare Geschichten wie «Der Stand der Dinge» (1982) und «Paris, Texas». Ab Mitte der 90er Jahre arbeitet Wenders erneut ausschließlich in den USA.

Zu den Filmpreisen, die der Mann mit der markanten Stirnlocke und der Hornbrille gewonnen hat, gehören die Goldene Palme von Cannes, der Löwe von Venedig und der Silberne Bär der Berlinale. Eine seiner Oscar-Nominierungen trug ihm die ergreifende Musiker-Dokumentation «Buena Vista Social Club» (1998) ein. Die Westernparodie «Don't Come Knocking» wurde 2005 auf dem Filmfestival in Cannes mit zwanzig Minuten Ovationen bedacht.

Wenders nennt die Geschichte um einen abgehalfterten Hollywood- und Westernstar seinen «Abschied von Amerika». Inzwischen lebt der Reise- und Musikfreak mit seiner dritten Frau Donata, einer Fotografin, wieder überwiegend in Berlin. 2001 trat er mit der Werkschau «Bilder von der Oberfläche der Erde» erstmals selbst als Fotograf an die Öffentlichkeit.

Mit seiner 2006 gegründeten Produktionsfirma Neue Road Movies (anfangs: Images) kümmert sich der Filmemacher auch um die Förderung junger und innovativer Nachwuchsregisseure. Sein jüngster eigener Film «Palermo Shooting» mit dem Toten-Hosen-Sänger Campino in der Hauptrolle kam vor zwei Jahren bei der Kritik nur mäßig an. «Wim macht keine Filme, die allen gefallen. Wim macht das, was er meint, was notwendig ist», sagte Campino damals.

In einem Alter, in dem andere in Ruhestand gehen, stellt Wenders sich derzeit einer ganz neuen Herausforderung: Er arbeitet erstmals mit 3D-Technik. Die Dokumentation «Pina» über das Wuppertaler Tanztheater der 2009 überraschend gestorbenen Choreografin Pina Bausch soll nächstes Jahr in die Kinos kommen. «3D gibt uns die Möglichkeit, den Zuschauer direkt mit auf die Tanzbühne zu nehmen», sagt Wenders, «mitten ins Geschehen hinein».

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