40.000
  • Startseite
  • » Kino & TV
  • » Kinonews
  • » Ein ziemlich schlauer Krimi: Bremer Ermittler verfolgen einen Mörder, der seine Opfer mit einem Killerauto jagt
  • Aus unserem Archiv
    Bremen

    Ein ziemlich schlauer Krimi: Bremer Ermittler verfolgen einen Mörder, der seine Opfer mit einem Killerauto jagt

    Also: Was die in Norddeutschland gar nicht mögen, sind Schlauschnacker. Klar, in Bremen gibt's die. Ist ja ne Großstadt. Und klar, da mag es so eine wie Linda Selb geben, diese lange Rothaarige vom BKA, die mit den Haaren auf den Zähnen. Aber dass ausgerechnet der Stedefreund auf die abfährt. Tut er aber. Im aktuellen „Tatort“ aus Bremen. Die küssen sich sogar.

    Ist er der Mörder mit dem Killerwagen? Kristian Friedland (Zweiter von rechts) gibt den Kommissaren Lürsen und Stedefreund Rätsel auf. Sein Vater Jost Friedland (rechts) glaubt an seine Unschuld. 
    Ist er der Mörder mit dem Killerwagen? Kristian Friedland (Zweiter von rechts) gibt den Kommissaren Lürsen und Stedefreund Rätsel auf. Sein Vater Jost Friedland (rechts) glaubt an seine Unschuld. 
    Foto: Radio Bremen/Michael Ihle

    Egal. Die bleibt ein Schlauschnacker. Beispiel gefällig? Da taucht die Rothaarige irgendwann bei Stedefreund (Oliver Mommsen) und seiner Kollegin Lürsen (Sabine Postel) auf und erklärt ihnen neunmalklug, dass sie es gerade mit einem Serienmörder zu tun haben. Ach ne. Sag mal. Denkt sich der Zuschauer. Der wurde gerade Zeuge, wie ein offenbar wahnsinniger Autofahrer mit seinem zum Killerwagen umgebauten BMW den zweiten jungen Menschen umgebracht hat. Er lauert ihnen auf, mit abgedunkelten Scheinwerfern verfolgt er sie, leise, dann röhrt der Wagen auf und überfährt das Opfer.

    Serienmörder? „Wäre doch cool, oder?“, sagt die Rothaarige zu Stedefreund. Ja. Geschmackloser Schlauschnacker. Wissen wir. Dieser „Tatort“ mit dem vielsagenden Titel „Nachtsicht“ braucht die Rothaarige nicht als Erklärcharakter. Sie ist ein Fremdkörper in einem genialen, weil so auf das Wesentliche reduzierten Krimi. Jeder Dialog sitzt, jeder Charakter ist stimmig. So reduziert norddeutsch dieser Film aber ist, so tief sind die Abgründe, in die er den Zuschauer zieht.

    Die Spur führt schon nach dem ersten Mord mit dem Killerwagen zu Kristian Friedland (großartig: Moritz Führmann), dessen Prepaid-Handy am Tatort gefunden wird. Er lebt mit einer Frau zusammen, die im Rollstuhl sitzt, seine Mutter hat nur noch ein Bein und leidet unheilbar an Krebs. Beide Frauen, aber auch Kristians Vater Jost Friedland schützen ihren Sohn und Lebensgefährten mit allen Mitteln. Der hatte schon einen Autounfall unter Drogeneinfluss. Doch ist Kristian Friedland tatsächlich der grausame Serienmörder, oder steckt ein ganz anderer hinter den Taten? Schließlich bleibt die „Tatwaffe“ an einem Tatort zurück, und die Kommissare entdecken, dass sie es mit einem menschlichen Ungetüm zu tun haben, der das Auto bewusst mit Grausamkeiten wie einem Dorn neben dem Hinterrad ausgestattet hat. Nach dem Terroranschlag von Berlin ist dies kaum auszuhalten. Allerdings liegt die Stärke des Krimis darin, dass er die Grausamkeiten nicht zeigt, sondern sie in den Köpfen der Zuschauer arbeiten lässt. So entsteht Schauder, so entsteht Spannung. Das ist pure Krimikunst. Wo andere „Tatort“-Fälle mit Geballer, vielen Toten und grausamen Bildern arbeiten, genügt es den Bremer Ermittlern, die Grausamkeit in menschlichen Beziehungen zu zeigen. Die können in ihren leisen, unterschwelligen Abhängigkeiten, Sehnsüchten, Lebenslügen, Lüsten oder in der verdammten Liebe mehr Wucht entfalten als plakative Gewalt.

    Also: Die Postel war neulich in einer Talkshow. Da haben die sie gefragt, warum der „Tatort“ aus Bremen seit 1999 so erfolgreich ist. Ihre Antwort: Weil sie die privaten Ausflüge der Kommissare nicht so nach vorn stellen. „Man kann sich nicht 20 Jahre die Traumata und Macken von jemandem ansehen. Irgendwann ist der Drops ausgelutscht.“ 2019 hören Postel und Mommsen mit dem „Tatort“ auf. Schade. Aber irgendwie auch schlau.

    Von Christian Kunst

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!