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Ein Altmeister in Aktion: Regisseur Oliveira wird 102

Madrid/Lissabon (dpa) – Er hat den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm miterlebt und die ersten bewegten Bilder in Farbe auf der Leinwand bestaunt. Doch auch in der digitalen Ära des 3D-Kinos steht Manoel de Oliveira weiter hinter der Kamera.

Manoel de Oliveira
Der portugiesische Regisseur Manoel de Oliveira dreht noch jedes Jahr einen Film.

Der älteste noch aktive Filmregisseur der Welt wird an diesem Samstag (11. Dezember) 102 Jahre alt und arbeitet in seiner Heimat Portugal bereits an einem neuen Projekt.

«Alles im Leben muss sich bis zum letzten Augenblick bewegen. Wer stehen bleibt, stirbt.» So lautet das Motto des aus Porto stammenden Cineasten, den Wim Wenders («Der Mann ist unfassbar jung geblieben») ebenso verehrt wie Clint Eastwood («Oliveira ist mein Vorbild»). Deshalb dreht der portugiesische Altmeister auch weiterhin jedes Jahr einen neuen Film.

Dennoch sind die Werke des als Filmpoeten gefeierten Regisseurs bis heute einem breiten Publikum verborgen geblieben. Sein jüngster Film etwa, «O estranho caso de Angélica» (Der seltsame Fall Angélicas), ist gerade erst in einigen Kinos in Portugal angelaufen, obwohl er bereits im Mai in Cannes vorgestellt worden war. In dem Streifen geht es um einen jungen Fotografen – gespielt von Oliveiras Enkel Ricardo Trepa -, der sich in eine Tote verliebt. Sie wird für ihn wieder lebendig, sobald er sie durch sein Objektiv betrachtet.

Das kommerzielle Kino ist aber auch nie Oliveiras Ziel gewesen. «Ich versuche, auf die Komplexität der Dinge einzugehen – auch wenn kein Profit winkt», sagt der experimentierfreudige Filmemacher, der viel Wert auf seine Unabhängigkeit legt. «Ich mache eben ein Kino des Widerstands.»

Der aus Porto stammende Oliveira gilt als einer der persönlichsten und kreativsten europäischen Regisseure. Er wird auf eine Stufe gestellt mit Jean-Luc Godard, Luis Buñuel oder Federico Fellini. Zu seinen bekanntesten Werken zählt «Viagem ao principo do mundo» (Reise zum Anfang der Welt), das 1997 in Berlin mit dem Kritiker-Preis ausgezeichnet wurde.

In dem Streifen spielte Marcello Mastroianni seine letzte Rolle, die eines alternden Regisseurs: das Alter Ego Oliveiras. «Ich halte es wie Marcello: Du musst arbeiten, arbeiten, arbeiten, um zu vergessen, dass der Tod nahe ist», sagte der Filmemacher und überzeugte Christ damals. Auch mit anderen Stars wie Catherine Deneuve, John Malkovich, Michel Piccoli oder Irene Papas arbeitete er zusammen.

Das Filmen hat Oliveira sich selbst beibringen müssen: Als er in den 1920er Jahren begann, sich für das Kino zu interessieren, gab es in seiner Heimatstadt Porto nur ein stillgelegtes Stummfilmstudio. 1930 entstand «Harte Arbeit am Fluss Douro» (Douro, faina fluvial), der erste einer ganzen Reihe von Dokumentarfilmen. Sein erster Spielfilm, «Aniki-Bobó» (1942), erzählt eine melodramatische Liebesgeschichte unter Straßenkindern und löste in Portugal Proteste wegen angeblicher Amoralität aus. In Zeiten der Salazar-Diktatur und mangels finanzieller Unterstützung sah sich Oliveira daher zunächst bis Mitte der 1950er Jahre zu einer Schaffenspause gezwungen. In dieser Zeit widmete er sich als Winzer dem Weingut seiner Familie.

Seine eigentliche Karriere als Regisseur begann 1963 mit dem von Laien gespielten Passionsfilm «Der Leidensweg Jesu in Curalha» (O Acto da Primavera). Die Meinung vieler Kritiker, er sei mit seinen Filmen aus den 1930er und 1940er Jahren der Wegbereiter des Neorealismus gewesen, will Oliveira aber nicht gelten lassen.

Am Anfang, erläuterte er einmal, habe er sich stark von Filmen wie Walter Ruttmanns «Berlin – Symphonie einer Großstadt» inspirieren lassen. «Ich jagte die Realität wie ein Phantom, das auftaucht und blitzartig verschwindet.» Gescheiterte Liebe, erotische Versuchung, Machtstreben und Todessehnsucht sind die Hauptthemen in vielen von Oliveiras rund 50 Filmen; Poesie, Melodrama, Romanze und zuweilen schwarzer Humor seine Stilmittel. In einigen seiner Werke wirkt er selbst mit – schließlich wollte der einstige Autorennfahrer ursprünglich Schauspieler werden.

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