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Locarno

Deutsches Kino in Locarno auf Leoparden-Jagd

dpa

Am Samstag werden die Preise des 63. Internationalen Filmfestivals Locarno verliehen. Es ist gut möglich, dass einer der Silbernen und Goldenen Leoparden nach Deutschland geht.

Locarno
Beim Filmfestival in Locarno steigt die Spannung.

Mit 14 Filmen, davon vier im 18 Beiträge umfassenden Hauptwettbewerb «Concorso Internazionale», ist das deutsche Kino beim diesjährigen Filmfestival im berühmten schweizerischen Urlaubsort am Lago Maggiore gut vertreten.

Als Favorit gilt die serbisch-deutsch-schwedische Gemeinschaftsproduktion «Beli beli svet» von Regisseur Oleg Novkovic. Mit großem Mut zu Pathos beleuchtet Novkovic den Alltag in einer tristen, armseligen Bergarbeiterstadt in Serbien. Musik und Gesang geben dem Drama um Liebe und Verzicht, Inzest und Mord eine antike Wucht und mitreißende Emotionalität.

Große Chancen hat auch «La petite chambre». Die von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond inszenierte schweizerisch-luxemburgische Koproduktion erzählt von der schicksalhaften Begegnung eines alten, schon vom nahen Tod gezeichneten Mannes und einer jungen Frau in einer existenziellen Krise. Die feinsinnige Inszenierung fern aller Sentimentalität begeisterte Publikum und Kritiker in Locarno außerordentlich.

Im Gespräch sind daneben einige durch starke Storys und spannende formale Gestaltung beeindruckende Filme mit Familiengeschichten, die kritisch die soziale Lage in den jeweiligen Herkunftsländern reflektieren. Dazu gehören «Han jia» («Winterferien») des chinesischen Regisseurs Li Hongqi, die in Istanbul spielende türkisch-griechische Produktion «Saç» («Haar») von Ercan Özkan und «Pietro» (Italien) von Daniele Gaglianone.

Außenseiterchancen hat der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb: «Karamay» (China). Regisseur Xu Xin rekonstruiert eine Katastrophe in einem Theater der westchinesischen Provinzstadt Karamay: Im Dezember 1994 starben bei einem Feuer fast 300 Kinder. Sie dürfen in China öffentlich nicht betrauert werden. Eine der Ursachen für die vielen Toten war, dass Schülern und Lehrern das Verlassen der brennenden Halle verboten wurde, bevor sich hohe Parteivertreter gerettet hatten. Der Film setzt den Opfern ein erschütterndes Denkmal.

Viele Anwärter gibt es auch für die Auszeichnung als beste Schauspielerin und bester Schauspieler. Hier liegen die Franzosen vorn. Der 84-jährige Michel Bouquet gilt vielen mit seiner subtilen Darstellung eines Greises in «La petite chambre» als Favorit bei den Herren. Bei den Damen dürfen sich Jeanne Balibar im deutschen Beitrag «Im Alter von Ellen» (Regie: Pia Marais) und Eva Green in der deutsch-ungarisch-französischen Produktion «Womb» von Regisseur Benedek Fliegauf Hoffnungen machen.

Für Deutschland gibt es auch Chancen auf den durch Umfrage ermittelten Publikumspreis. Er wird für einen der bei den abendlichen Freiluftaufführungen auf der Piazza Grande gezeigten Filme vergeben. Der Zombie-Spaß «Rammbock» des Berliner Regisseurs Marvin Kren und die isländisch-englisch-deutsche Farce «Kings Road» (Regie: Valdis Óskarsdóttir) liegen gut im Rennen.

Gewinner der 63. Ausgabe des kleinsten der großen europäischen Filmfestivals ist jetzt schon dessen neuer künstlerischer Direktor Olivier Père. Er hat ein anregendes, gehaltvolles Programm erarbeitet, das mit seiner Konzentration auf das europäische Kino und auf stilistisch eigenwillige Filme überwiegend sehr junger Regisseure vom Publikum begeistert angenommen wurde.

www.pardo.ch

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