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    Berlin

    «360»-Regisseur Meirelles und der Antagonist in uns

    Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles hat mit seinem Film «City of God» für Furore gesorgt. Das Drama über Kinderbanden und Gewalt in den Favelas von Rio de Janeiro aus dem Jahr 2002 wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet und machte Meirelles zu einem international hoch angesehenen Regisseur.

    Fernando Meirelles
    Fernando Meirelles bei der Europa-Premiere von «360» in London.
    Foto: Daniel Deme - DPA

    In seinem neuen Film «360» geht es um Liebe und emotionale Verstrickungen in der globalisierten Welt. Der sympathische, lebhafte Mitfünfziger Meirelles erzählt im Interview, was ihn an der Arbeit an dem Film mit Anthony Hopkins, Jude Law und Moritz Bleibtreu gefreut und was ihn an Kanzlerin Angela Merkel geärgert hat.

    In Ihrem Film geht es um einen Mann, der seine Frau nicht betrügt. Was hat Sie an dieser Frage interessiert?

    Meirelles: «Was mich an dem Projekt angezogen hat ist: Alle Figuren sind sehr gute Menschen. Alle versuchen, das Richtige zu tun. Aber es ist immer etwas in ihnen, das sie in eine Situation bringt, in der sie entscheiden müssen zwischen dem, was sie meinen tun zu müssen und was sie wirklich tun möchten: eine Prostituierte engagieren, eine Affäre haben... alle müssen sich entscheiden. Das ist ein Film ohne Antagonisten: Der Antagonist steckt in jedem von uns selbst. Der Film hat dabei etwas von der alten Diskussion um Eros und Zivilisation. Wenn du deine Impulse nicht unterdrückst, gründest du keine Familie, keine Gesellschaft. Freud, Marcuse, diese alte Diskussion ist da drin. Ich sage nicht, welcher Weg der richtige und welcher der falsche ist, aber der Film handelt davon. Sollen wir unsere Impulse unterdrücken? Oder sollen wir einfach versuchen glücklich zu sein, weil das Leben so kurz ist?»

    Jude Law ist in ihrem Film nicht der glamouröse Typ, als den wir ihn sonst oft sehen. Sie haben aus ihm jemand sehr Unsicheren gemacht - wie wohl hat er sich damit gefühlt?

    Meirelles: «Ich glaube genau deshalb hat ihn die Rolle interessiert: weil er mal nicht der gut aussehende besondere Typ ist, sondern mehr wie ein normaler Mensch, der er ja auch ist. Wir haben ihn ein bisschen älter gemacht, er hat ein paar Falten bekommen: alles Make-up. Die Haare sind aber wirklich so. Er wird langsam kahl. (lacht) Ich glaube, es hat ihm Spaß gemacht, das zu spielen. Das ist mal was anders für ihn gewesen. Er ist ja sonst immer der nette Typ.»

    Ist es richtig, dass es in Ihrem nächsten Projekt um Aristoteles Onassis geht?

    Meirelles: «Ja. Es basiert auf einem Buch, das heißt "Nemesis". Es geht um Onassis, den griechischen Reeder. Es geht aber eigentlich um Hass. Es geht um die Geschichte zwischen Onassis und den Kennedys. Bobby Kennedy und Onassis waren wirklich die größten Feinde. Sie haben sich drei-, viermal getroffen und sich wirklich gehasst. Eine tolle Geschichte. Eine wahre Geschichte.»

    Als jemand der aus Brasilien kommt: Wie sehen Sie heute Europa, das in einer wirtschaftlichen Krise steckt?

    Meirelles: «Das ist schon irgendwie komisch. Ich bin jetzt 55 Jahre alt und mein ganzes Leben lang hab ich die Zeitung aufgeschlagen und immer gelesen: Europa ist groß, die USA sind groß und Brasilien steckt in der Krise. Das ist die Geschichte meines Lebens, damit bin ich aufgewachsen: Ich bin der Krisentyp. Und jetzt, seit den letzten zehn Jahren ist es anders herum. Es gibt Arbeitslosigkeit in Spanien, Italien ist bankrott und Brasilien ist im Aufschwung! Besonders das was ich mache, die Filmindustrie! Alle haben Hoffnung, die Arbeitslosigkeit in Brasilien beträgt jetzt, glaube ich, vier Prozent.

    Ich bin aber nicht sehr optimistisch was die Zukunft Europas angeht, die Zukunft unseres ganzen Planeten. Wegen der Umwelt. Ihr Deutschen ihr kümmert euch ja schon um die Umwelt, aber was hier konsumiert wird, das ist Wahnsinn. Und es scheint so, als ob das niemanden interessiert. Globale Erwärmung, es gibt keine Fische mehr in den Ozeanen, wir haben kein Wasser mehr in Asien. Wir zerstören den Planeten, aber wir machen einfach weiter. Und eure Kanzlerin Merkel ist nicht mal zum Umweltgipfel nach Rio gekommen! Das verstehe ich wirklich überhaupt nicht.»

    Interview: Frauke Gust, dpa

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