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Oscarfavorit „Shape of Water“: Märchenhaftes Kino-Kunstwerk

Beim Filmfest Venedig gab es bereits den Goldenen Löwen für den besten Film, und Anfang Januar gewann Regisseur del Toro den Golden Globe für die herausragende Regie. Nun kommt der Oscaranwärter auch bei uns in die Kinos.

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers
Elisa (Sally Hawkins) fühlt sich von dem fremden Wassermann angezogen.
Foto: Twentieth Century Fox – dpa

Berlin (dpa). Meist sind Monster zum Gruseln da – aber nicht immer. Manchmal durften sie im Kino auch schon die romantischen Helden einer Liebesgeschichte sein. In „King Kong“ etwa oder „Die Schöne und das Biest“ zeigten die vermeintlichen Gruselwesen ihre zarte Seite.

Daran knüpft nun auch „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ an, einer der originellsten Filme des vergangenen Jahres, der mit 13 Nominierungen nun völlig zu Recht der große Favorit bei der Oscarverleihung Anfang März ist.

Die Geschichte beginnt mit Elisa, einer „Prinzessin ohne Stimme“, wie es zu Anfang heißt. Denn Elisa ist stumm und lebt zurückgezogen in einer kleinen Wohnung. Jeden Abend aber macht sie sich auf den Weg zu ihrer Arbeit: Sie putzt in einem Regierungslabor, wo geheime Experimente durchgeführt werden – es ist Anfang der 1960er Jahre, die Zeit des Kalten Krieges. Eines Tages entdeckt Elisa dort dann eine ungewöhnliche Kreatur, die im Amazonas gefangen wurde. Es ist ein faszinierendes Wasserwesen, mit Kiemen und einem muskulösen Körper, der in schillerndem Blau und Grün schimmert.

Dieser Inhalt mag zunächst seltsam oder gar merkwürdig klingen, doch Regisseur Guillermo del Toro erzählt „Shape of Water“ so kunstvoll, dass man ihm und seinen Figuren nur zu gerne zuschaut. Denn Elisa (Sally Hawkins) fühlt sich von diesem Wassermann angezogen, schmuggelt einen Plattenspieler ins Labor, spielt ihm Jazzsongs vor und lockt ihn mit gekochten Eiern an den Beckenrand seines Gefängnisses. Schnell nähern sich die beiden Stummen an und verlieben sich ineinander. Doch als das im Amazonas als Gott verehrte Wesen getötet werden soll, um genauere Untersuchungen zu ermöglichen, entscheidet sich Elisa, es zu befreien.

Es wird ein Kampf der Außenseiter gegen das scheinbar übermächtige System: Elisa ist als stumme Putzfrau für ihre Umwelt fast unsichtbar und wird von dem brutalen Sicherheitsbeauftragten, der das Wasserwesen immer wieder mit einem Elektroschocker quält, völlig unterschätzt – Elisa hingegen überzeugt ihre schwarze, nicht auf den Mund gefallene Kollegin und ihren einsamen Künstler-Nachbarn, ihr zu helfen.

„Shape of Water“ entwickelt besonders auf der großen Leinwand seine visuelle und emotionale Kraft und ist dabei so vielschichtig erzählt, dass es zahlreiche Interpretationen zulässt. Schließlich ist da nicht nur das wundersame Erstarken der vermeintlich Schwachen über die weiße, männliche Vorherrschaft. Es ist auch ein Seitenhieb auf das Ausbeuten unserer Natur, die Arroganz allem Unbekannten und der Intoleranz dem Anderen gegenüber.

Vor allem aber gelingt es del Toro, ein bildgewaltiges Märchen für Erwachsene zu erzählen. Er kreiert dafür eine ganz eigene Welt, in der nicht nur alles möglich ist, sondern auch völlig natürlich wirkt – selbst die (so im Kino wohl noch nie gesehene) an einen Tanz erinnernde Sexszene im wassergefluteten Badezimmer.

Das Fabelwesen wird dabei von Doug Jones verkörpert, der zwar gänzlich unter dem aufwendigen Kostüm verschwindet, der geheimnisvollen Kreatur aber Fragilität und zugleich Stärke verleiht. Auch die Nebenrollen sind mit Michael Shannon als grausamer Gegenpart, Octavia Spencer als liebenswerter Kollegin und Richard Jenkins als leicht depressiver Nachbar bestens besetzt.

Überstrahlt werden sie allerdings von der Britin Sally Hawkings, die nach mehreren überdrehten Rollen wie in „Happy-Go-Lucky“, hier nun eine sehr differenzierte Performance abliefert. Ohne Worte, dafür aber mit viel Mitgefühl lässt sie ihre Elisa zum Herz des Films werden: verletzlich und stark, schüchtern und selbstbewusst treibt sie die Erzählung mutig voran, und als Zuschauer hofft man mit ihr auf das ersehnte, märchenhaft-romantische Happy-End.

Und Regisseur del Toro? Der Mexikaner mit einer Schwäche für Außenseiter und Monster, der schon mit dem gefeierten Werk „Pans Labyrinth“ eine einzigartige Fantasiewelt schuf, ist mit „Shape of Water“ auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Kein anderer Regisseur verfügt wohl derzeit über eine solch eigene Vision, mit der er eine so originelle Geschichte so fantasievoll und ideenreich umsetzt – sein „Shape of Water“ wird zu einem Kino-Kunstwerk, das die Magie der großen Leinwand feiert.

Shape of Water – Das Flüstern des Wassers, USA 2017, 123 Min., FSK ab 16, von Guillermo del Toro, mit Sally Hawkins, Doug Jones, Michael Shannon, Richard Jenkins

Shape of Water

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