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    Paris

    «Mustang»: Türkische Mädchen rebellieren

    Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay vergnügen sich mit Klassenkameraden im Meer. Die Schuluniform hängt nass an ihren Körpern. Die lang erwarteten Sommerferien haben soeben begonnen. Lebensfreude und Unbekümmertheit liegt in der Luft.

    Deniz Gamze Ergüven
    Deniz Gamze Ergüven hat mit ihrem Film «Mustang» Chancen auf einen Oscar.
    Foto: Patrick Seeger - dpa

    Doch nur für kurze Zeit, denn auf dem Land bei ihrer Großmutter herrschen archaische Traditionen. «Mustang» ist ein Film über das Heranwachsen, der die Konflikte zwischen Tradition und Moderne, zwischen tradierten Geschlechterrollen und emanzipierten Lebensverhältnissen in den Fokus rückt. Ein viel diskutiertes Thema, das die Regisseurin Deniz Gamze Ergüven in ihrem Erstlingsfilm mit viel Sensibilität und einer gewissen Leichtigkeit verarbeitet hat.

    Die Eltern der fünf türkischen Mädchen sind schon lange tot. Sie leben bei ihrer Großmutter und ihrem Onkel in einem kleinen Dorf an der Schwarzmeerküste rund 1000 Kilometer von Istanbul entfernt. Die Schwestern sind ungefähr zwischen 10 und 16 Jahre alt. Bislang führten sie ein freies Leben. Doch langsam werden sie zu Frauen, und ihre unbeschwerten Spiele mit den Jungs aus dem Dorf lösen missbilligendes Gerede aus. Deshalb herrscht von nun an Zucht und Ordnung. Aus dem Haus wird ein Gefängnis. Die Fenster werden vergittert und der Zaun um das Haus immer höher. Die Mädchen werden aus der Schule genommen, in sackartige Kleider gesteckt und sollen eine nach der anderen verheiratet werden.

    Der drakonischen Erziehung steht die Solidarität der Schwestern gegenüber. Herrliche Szenen zeigen die Verbundenheit der Mädchen. Je mehr ihre Freiheit jedoch beschnitten wird und sie sich der tradierten Geschlechterrolle beugen müssen, desto mehr kristallisiert sich der Charakter jeder einzelnen heraus.

    Sonay, die älteste, will nur ihren Freund heiraten. Während sie ihren Willen noch durchsetzten kann, muss Selma einen ihr fremden Mann heiraten. Sie resigniert und versinkt in eine tiefe Gleichgültigkeit. Ece erschießt sich. Ihrem Selbstmord geht eine Szene voraus, die zeigt, wie ihr Onkel nachts ihr Zimmer betritt. Als Nur unter die Haube kommen soll, nimmt Lale, die jüngste der Schwestern, ihr Schicksal in die Hand. Sie organisiert für sich und Nur die Flucht.

    Die türkisch-französische Regisseurin hat einen Film gedreht, in dem sich Tragik und Humor abwechseln. Für Leichtigkeit und Spaß sorgen eine heimliche Busfahrt zu einem Fußballspiel mit ausschließlich weiblichen Zuschauern oder ein von ihrer Großmutter und den Tanten erzeugter Stromausfall im ganzen Dorf, um die Ausreißerinnen zu decken.

    Erstmals wurde das Drama der Regisseurin beim Filmfestival in Cannes gezeigt. Seitdem feiert es große Erfolge, sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum. Auch das Oscar-Auswahlkomitee konnte es überzeugen: «Mustang» geht in wenigen Tagen (am 28. Februar) ins Rennen um die begehrte Trophäe für den besten ausländischen Film.

    Mustang

    /starline/kino/filmbesprechung/
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