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London

«Inherent Vice»: Filmisches Delirium mit Joaquin Phoenix

dpa

Es gibt Filme, in denen geht es nicht nur um Drogen, sie entlassen den Zuschauer auch etwas benebelt zurück. «Fear and Loathing in Las Vegas» ist so einer oder «Requiem for a Dream».

Inherent Vice
Bekifftes Pärchen: «Doc» (Joaquin Phoenix) und Penny (Reese Witherspoon).
Foto: 2014 Warner Bros. – dpa

Wer bei «Inherent Vice – Natürliche Mängel» zweieinhalb Stunden lang in Joaquin Phoenix' verhangene Augen schaut und nebenbei versucht, den aberwitzigen Dialogen zu folgen, verlässt das Kino entweder selig-entrückt grinsend oder schwer genervt. Paul Thomas Anderson spaltet mit seiner Romanverfilmung voller Stars die Geister – und das ist kein Wunder.

Ein fiktiver Küstenort in Kalifornien, 1970. Larry «Doc» Sportello, dauerbekiffter Privatermittler ohne sichtbaren Ehrgeiz, aber mit beeindruckendem Backenbart, hat plötzlich drei Fälle zu lösen. Seine Exfreundin sorgt sich um ihren Lover, einen steinreichen Immobilienhai. Ein Schwarzer sucht einen Neonazi, der ihm aus der gemeinsamen Zeit im Knast Geld schuldet. Und eine ehemalige Heroinsüchtige sucht ihren angeblich toten Mann (Owen Wilson), der sich bald als sehr lebendig entpuppt.

Natürlich hängen alle Fälle irgendwie zusammen. Um sie zu lösen, muss Doc sich mit einem sadistischen Polizisten (Josh Brolin), einem Muskelpaket mit Hakenkreuz-Tattoo auf der Wange und einem Zahnarzt auf Koks herumschlagen. Hilfe kommt von seinem Anwalt (Benicio Del Toro), den er nicht bezahlt und der keine Ahnung von Strafrecht hat, und einer Polizistin (Reese Witherspoon), mit der Doc nebenbei auch schläft. Ein rätselhaftes Schiff, das 50 Jahre im Bermudadreieck festgehangen haben soll, hält Doc ebenso auf Trab wie eine gigantische Ladung Heroin, die er plötzlich im Kofferraum hat.

Wer genau verstehen will, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, muss sich den Film zweimal anschauen. Geklärt ist am Ende zwar eigentlich nichts, aber das erwartet nach reihenweise absurden Begebenheiten, ins leere gelaufenen Dialogen und unerklärten Wendungen sowieso keiner mehr.

Die Mischung aus Ahnungslosigkeit, Dreistigkeit und bekifftem Charme, mit der Joaquin Phoenix alias Doc sich durch die Handlung bewegt, machen ihn zu einem würdigen Nachfolger von der Kultfigur «The Big Lebowski» (Jeff Bridges) aus dem Film der Coen-Brüder – und es wäre kein Wunder, wenn demnächst deutlich mehr Männer mit Backenbärten gesichtet werden.

Regisseur Anderson («Magnolia», «There Will Be Blood») hat sich ziemlich treu an die Romanvorlage von Thomas Pynchon gehalten. Dabei sei sein erster Gedanke gewesen, als er 2009 das gerade erschiene Buch gelesen habe: «Daraus mache ich nie einen Film», schrieb er in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift «Vice». Die vielen abgerissenen Handlungsstränge und die schiere Menge an Information wirkten entweder überwältigend oder benebelt – das habe er sich für die Kinofassung auch gewünscht.

Es ist ihm gelungen. «Inherent Vice» – zu Deutsch: eingebauter oder auch verborgener Mangel – ist surreal, immer wieder unglaublich komisch und polarisiert Kritiker wie Zuschauer. Während etwa die «New York Post» den Film zu einer «zweieinhalbstündigen Belastungsprobe» erklärt, nennt der «Guardian» ihn einen «Siegeszug im Delirium». Freunde einer logischen Handlung werden mit diesem Film Noir sicher nicht glücklich, auf Twitter ist dokumentiert, dass einige erbost die Kinos verließen. Wer sich auf ein bisschen filmisches Delirium einlassen kann, wird dagegen großes Vergnügen haben.

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Kritik im "Guardian"

Andersons Gastbeitrag in "Vice"

Kritik in der "New York Post"

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