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    Berlin

    «Cirkus Columbia»: Vor dem Jugoslawien-Krieg

    Der Krieg steht vor der Tür, doch die Menschen sind mit ihren Alltagsproblemen beschäftigt. Niemand denkt daran, dass sich hier bald Menschen töten, die Nachbarn, Freunde oder Verwandte waren.

    «Cirkus Columbia»
    Komplizierte Liebesverhältnisse: Divko Buntic (Miki Manojlovic) (M) mit seiner Geliebten Azra (Jelena Stupljanin) und Sohn Martin (Boris Ler).
    Foto: Movienetfilm - DPA

    Es ist 1991 in Bosnien-Herzegowina, und die Einwohner eines kleinen Dorfes stehen bald vor der Frage: bleiben oder fliehen? Oscar-Preisträger Danis Tanovic zeigt in seinem neuen Film «Cirkus Columbia» die unmittelbare Zeit vor dem Jugoslawien-Krieg, dessen Folgen Bosnien-Herzegowina bis heute prägen.

    Im Gegensatz zu «No Man's Land», für das Tanovic 2002 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film bekam, setzt der bosnische Regisseur mit diesem zurückhaltenden Film nicht auf augenfällige Kriegs-Symbolik sondern auf leise Töne und bisweilen romantische Bilder. Statt das Grauen möglichst plastisch darzustellen, erzählt Tanovic das langsame Zerbrechen einer Gesellschaft, in der bis zum Kriegsanfang Serben, Kroaten und Muslime weitgehend friedlich miteinander lebten. Mal witzig, mal beklemmend stellt er dar, wie alles mit dem Ende des Kommunismus zerbricht, der Nationalismus die Oberhand gewinnt und Familien und Freunde auseinandergehen.

    Anfang der 90er Jahre kehrt der Protagonist Divko Buntic (Miki Manojlovic) wie viele Gegner des alten sozialistischen Systems nach Jahren im deutschen Exil in sein Heimatdorf in Herzegowina zurück. Mit dabei hat er seine junge hübsche Freundin Azra (Jelena Stupljanin), seinen Kater - und am allerwichtigsten - einen Haufen D-Mark, mit dem er sich wie der König des Dorfes benimmt.

    Als erstes wirft er seine Frau Lucija (Mira Furlan) und seinen Sohn Martin (Boris Ler) aus dem Haus, in dem sie seit Jahren leben, auf das er aber einen Anspruch erhebt. Auch wenn Divko seine Noch-Frau emotional quält, ihr versucht, den Sohn auszuspannen, und ihr obendrein den Job wegnimmt - eine innere Verbindung besteht noch immer zwischen den beiden. Während sich Divko von seiner Freundin Azra immer mehr entfernt, nähert sich diese seinem Sohn an.

    Diese Dreiecksbeziehungen, hervorragend gespielt von den Darstellern, macht Tanovic zum eigentlichen Mittelpunkt des Films. Dass nach und nach aufgerüstet wird, Männer an die Waffen gehen, die einen willkürlich verhaftet werden, die anderen die Flucht vorbereiten - der Krieg also immer näher rückt - ist die Kulisse für eine Liebesgeschichte. Wenn Divko und Lucija am Ende des Films gemeinsam lächelnd auf einem Karussell sitzen, während in der Ferne die ersten Bomben explodieren, wird klar: Divko ist eben doch nicht das Miststück, das er am Anfang zu sein scheint, und die Liebe macht auch vor dem Krieg nicht Halt.

    Tanovic sieht «Cirkus Columbia» als letzten Teil einer Trilogie. Während «No Man's Land» während des Kriegs spielte und «Triage» die Erlebnisse nach einem Krieg beschrieb, zeigt das neue Werk nun den Anfang des Grauens auf dem Balkan, das in Massakern wie in Srebrenica endete. Erstmals seit langem arbeitet der Regisseur auch wieder in seiner Muttersprache, die Verbindung zu seiner Heimat verleiht dem Film besondere Authentizität. «Manchmal glaube ich, dass wir alle am Rande eines Abgrunds standen, als der Kommunismus zusammenbrach», sagt Tanovic heute. «Auf der anderen Seite wartete der Rest der Welt und sah uns schweigend zu. Wir mussten springen, haben es aber nicht bis zur anderen Seite geschafft - und wir fallen immer noch.»

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