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    Berlin

    Atemlos und realistisch: Über den Terroristen «Carlos»

    Es ist ein Film wie ein Bewusstseinsstrom. Stets irgendwie nervös, gehetzt und doch mit sichtlich spürbaren Tempiwechseln erzählt der französische Regisseur Olivier Assayas in «Carlos ­ Der Schakal» den Aufstieg und Fall eines der meistgesuchten Terroristen des vergangenen Jahrhunderts.

    «Carlos - Der Schakal»
    Edgar Ramirez verkörpert den Top-Terroristen Carlos.

    Dabei kann er nicht nur auf seine große Inszenierungskunst setzen, sondern auch auf ein ebenso großartiges Ensemble - allen voran Edgar Ramirez als Carlos und Nora von Waldstätten als dessen langjährige Gefährtin Magdalena Kopp. Vor allem aber gelingt es Assayas, den Betrachter mit der Geschichte zu verführen, ohne den Terrorismus und seine Protagonisten zu verharmlosen.

    Der Film, der jetzt in der Kurzfassung des Originals von mehr als fünf Stunden in die Kinos kommt, setzt 1973 ein, als Carlos bei der palästinensischen PFLP anheuert und in kürzester Zeit mit spektakulären Attentaten weltweite Berühmtheit erlangt. Die erfährt mit der aufsehenerregenden Geiselnahme bei der OPEC-Konferenz 1975 ihren vorläufigen Höhepunkt. Dabei agiert Carlos stets mit ausgesprochener Souveränität, Kaltblütigkeit und Autorität. Er nimmt Lösegeld an, lässt sich zunächst von niemandem gegen seine eigene Überzeugung vereinnahmen - und wird zu einer Art gefeiertem Star. Doch als eitler, dominanter Kämpfer mit Riesen-Ego, der keinen Widerspruch gelten lässt, grenzt er sich auch zusehends aus, was schließlich zu seinem Ausschluss aus der PFLP führt.

    Ab Mitte der 1970er-Jahre operiert der als Ilich Ramírez Sánchez 1949 in Caracas geborene Carlos mit wenigen treuen Gefolgsleuten quasi als Terrorismus-Söldner, bleibt dabei zwar meist seinen linken Überzeugungen treu, weiß diese aber durchaus dem meistbietenden Auftraggeber anzupassen. Er schlüpft zunächst in der DDR, dann in Ungarn, später im Nahen Osten unter. Die Aktivitäten werden nach und nach immer unpolitischer und wahlloser, sodass er schließlich von sämtlichen Geheimdiensten gejagt wird, was 1994 zu seiner Verhaftung im Sudan führt. Noch heute sitzt der reale Carlos in Frankreich seine lebenslange Haft ab.

    Absolut überzeugend, immer ein wenig atemlos gelingt es Assayas, einen Lebensabschnitt von Carlos nachzuzeichnen ­ in schönen, sinnlichen Bildern voll der Verführung ­ mal mit Frauen, mal mit Landschaften, aber auch hektischen, kühlen Bildern, die vor allem die Stimmung des Kalten Kriegs einfangen. Dabei erliegt der französische Regisseur niemals der Gefahr, zu verkitschen, dem Reiz des trendigen Retro-Looks zu verfallen. Vielmehr zeigt er sehr realistisch die Karriere eines Mannes, der zu einem Star wurde und dann zu einem Phantom, zu einem historischen Kuriosum verkam, wie sich Carlos im Film sagen lassen muss.

    Doch «Carlos ­ Der Schakal» würde nicht ohne die herausragenden Schauspieler so gut funktionieren: Edgar Ramirez, ebenfalls Venezolaner, schlüpft derart überzeugend in die Rolle des Carlos, gibt den durchtrainierten Top-Terroristen, dann den um 20 Kilo angefetteten Wohlstands-Macho und immer einen Mann, dem man kaum widerstehen kann, dass er beim Filmfestival in Cannes, wo die mehr als fünfstündige Langfassung Premiere feierte, schon als neuer Marlon Brando gehandelt wurde.

    Auch bediente sich Assayas zahlreicher deutscher Schauspieler, die in Deutschland nur allzu oft in allzu gleichen Rollen zu sehen sind. Da sind Alexander Scheer, der als Carlos rechte Hand Johannes Weinrich brilliert, und Christoph Bach als Hans-Joachim Klein, Julia Hummer als Gabriele Kröcher-Tiedemann und Katharina Schüttler als Brigitte Kuhlmann. Nicht zu vergessen die in Wien geborene Nora von Waldstätten, die die schwierige Rolle der Carlos-Ehefrau Magdalena Kopp in all ihren Facetten ausfüllt. Wie sagte von Waldstätten in Cannes nach der Premiere so schön: «Magdalena Kopp hat das coole Jet- Set-Leben im Untergrund kennengelernt, aber eben auch den Abstieg.» Genau das erzählt Assayas atemberaubend.

    www.carlos-derfilm.de

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