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FAN-Tagebuch zur EM 2012 (3): Deutschland – Dänemark in Lemberg

Bei meinem 2. Besuch in Lemberg kam mir alles schon relativ vertraut vor. Es erwarteten uns hochsommerliche Temperaturen und es wurde wieder einmal ein Tag mit neuen, interessanten Bekanntschaften...

Hans Schenkelberg aus Herschbach im Westerwald ist ein eingefleischter Fußballfan: Schon seit 1994 begleitet er die deutsche Nationalmannschaft zu jeder Welt- und Europameisterschaft.
Hans Schenkelberg aus Herschbach im Westerwald ist ein eingefleischter Fußballfan: Schon seit 1994 begleitet er die deutsche Nationalmannschaft zu jeder Welt- und Europameisterschaft.

Bei meinem 2. Besuch in Lemberg kam mir alles schon relativ vertraut vor. Es erwarteten uns hochsommerliche Temperaturen und es wurde wieder einmal ein Tag mit neuen, interessanten Bekanntschaften. Wie schon bei den Spielen zuvor gehörte auch diesmal der frühere Nationalspieler Steffen Freund zum Tross des Fan-Clubs der Nationalmannschaft. “Rein privat, in keiner offiziellen Funktion“, wie er betonte. Leider habe ich ihn nach dem Spiel nicht mehr gesehen, um mit ihm wie geplant ein kleines Interview zu führen.

Viele Wege führen nach Rom – aber auch nach Lemberg!

Erstaunlich, auf welch unterschiedliche Art und Weise die deutschen Fans nach Lemberg gelangten. Eine Gruppe Studenten aus Bonn ist schon seit 6. Juni in der Ukraine mit einem Kleinbus unterwegs. Sie entscheiden von Spiel zu Spiel, wo sie hinfahren, wobei natürlich die Spiele der deutschen Mannschaft “gesetzt“ sind. Übernachtet haben sie bisher immer in Studentenwohnheimen, wenn auch mit schlechtem Gewissen, wie sie betonten.

Das schlechte Gewissen resultiert aus dem Umstand, dass die in den Studentenwohnheimen normalerweise wohnenden ukrainischen Studenten/-innen für die Dauer der EM quasi “zwangsausgesiedelt“ wurden, um Schlafmöglichkeiten für die Fans zu schaffen. Ihre Studenten-buden in Bonn seien im Vergleich zu Charkow, Kiew oder Lemberg der reine Luxus. “Soviel Sagrotan wie in den letzten vierzehn Tagen habe ich in meinem ganzen bisherigen Leben zusammen noch nicht verbraucht“, meinte Daniel (23) aus Neuwied.

Per Anhalter unterwegs

Eine andere Gruppe war mit dem Zug in die Ukraine eingereist, dort aber nur per Anhalter unterwegs. Für die Fahrt von Charkow (Holland-Spiel am vergangenen Mittwoch) nach Lemberg, immerhin eine Strecke von über 1.000 km, haben sie drei (die besten) bis fünf Zwischen-Stopps gebraucht. Übernachtet wurde immer privat bei ukrainischen Familien. Diese stellten die Zimmer kostenfrei über das Internetportal “rooms for free“ zur Verfügung. Meine “Kollegin“ die Osteuropa-Korrespondentin der “RZ“, Doris Heimann, hat darüber schon in der Montagausgabe ausführlich berichtet. Oft seien die Einladungen weit über die reine Übernachtung hinausgegangen. Frühstück war sowieso “included“, gemeinsames Mittag- und/oder Abendessen an der Tagesordnung gewesen. Meistens hätten sie dann zumindest die Getränke spendiert, oft erst nachdem erhebliche Widerstände seitens der Gastgeber überwunden werden mussten. Insbesondere der hohe Wodka-Konsum sei allerdings gewöhnungsbedürftig, “aber wir wollten ja keine unhöflichen Gäste sein“ meinte Thorben, der aus Guadelajara (Mexiko) angereist war.

Bei den “Tramps“ hätten die Ukrainer spontan angeboten noch einen Abstecher zu einer besonderen orthodoxen Kirche, einem deutschen Soldatenfriedhof (bei Charkow) oder einen besonderen Aussichtspunkt zu machen. Dabei hätten die Fahrer sogar beträchtliche Umwege in Kauf genommen. “Die Gastfreundschaft ist einfach überwältigend. So was haben wir noch nicht erlebt“ war der übereinstimmende Kommentar der vier 30-jährigen (+/-), die sich aus gemeinsamen Studentenzeiten in Tübingen kannten, heute aber in der ganzen Welt verstreut sind.

FAN-Tagebuch zur EM 2012
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