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    Wahlzeit Hintergrund: Wie ticken eigentlich die Finanzmärkte?

    Euro-Bonds und Finanztransaktionssteuer sind große Themen im Wahlkampf und an der Börse. Wir haben mit Händlern gesprochen, was sie von der Finanzpolitik halten.

    Alle Kurse im Blick: der Frankfurter Börsenhändler Alexander Reitz an seinem Arbeitsplatz auf dem Parkett.
    Alle Kurse im Blick: der Frankfurter Börsenhändler Alexander Reitz an seinem Arbeitsplatz auf dem Parkett.
    Foto: Werner Dupuis

    Von unserem Redakteur Dirk Eberz

    Der Raum wirkt verlassen. Leere Regale, das Licht ist gedämpft. Nur wenige Stühle sind besetzt. Keine Fernsehkamera schwenkt je in das Hinterzimmer des Frankfurter Börsenparketts. "Deshalb ist es hier ein bisschen unaufgeräumt", scherzt Marc Renell. Die beiden Mitarbeiter des Vorstands der Renell Bank wirken vor einer Wand von Bildschirmen fast schon etwas verloren in ihrer Ecke. Doch die Händler genießen ihr Schattendasein abseits von Besuchergruppen und Journalisten. Niemand muss sich hier in Anzüge oder Kostüme zwängen. "Wir haben ja keinen Kundenverkehr", erklärt Marc Renell.

    Irgendwie scheint es da zu passen, dass gerade hier mit Griechenland-Anleihen gehandelt wird. Renell vertreibt die Wertpapiere in Frankfurt exklusiv. Nicht immer zu seiner Freude. Denn derzeit liegen die Staatsanleihen, mit denen sich das südeuropäische Land Geld beschaffen will, wie Blei in den Regalen. Und das, obwohl es zwischen 6 und 8 Prozent Zinsen gibt - je nach Tageskurs. Zum Vergleich: Für Bundesanleihen werden derzeit nicht mal mickrige 2 Prozent fällig. Doch die Deutschen haben ihre Schulden bisher immer brav zurückgezahlt. Griechenland hingegen ist bekanntlich pleite. Und wer will so jemandem schon sein Geld leihen? Also müssen sie in Sachen Rendite eine Schippe drauflegen, um Käufer zu locken.

    "Die magische Grenze liegt bei 6 Prozent", erklärt der Händler Eduardo Quintino. "Alles drüber ist für den Markt Müll" - eine höchst riskante Anlage also. Denn keiner weiß, ob er sein Geld irgendwann mal wieder zurückbekommt. Die Kunden stehen somit nicht gerade Schlange. Aber wer kauft die Anleihen eigentlich? Grundsätzlich kann das jeder über die Hausbank tun. Bei Griechenland-Papieren sollte er aber Geld übrig haben - und im schlimmsten Fall mit einem Totalverlust rechnen. "Die Oma ist das eher nicht", räumt Quintino ein.

    Derzeit wird in der Politik heftig über Euro-Bonds diskutiert - ein heißes Wahlkampfthema. Dann würden wirtschaftlich starke Staaten wie Deutschland für schwächere mitbürgen. Griechenland käme also billiger an Geld heran, müsste deutlich weniger Zinsen zahlen. Für die Deutschen würde es hingegen wohl teurer. "Und sie müssten mithaften, wenn andere Staaten in wirtschaftliche Schieflage geraten", sagt Renell. Also mal wieder der Steuerzahler. Bisher profitiert Deutschland sogar von der Krise. "Wir gelten als sicherer Hafen", sagt der Wertpapierexperte. "Der Staat kommt derzeit für fast nichts an Geld ran." Und auch die deutschen Aktienmärkte boomen.

    Der Wertpapierexperte Marc Renell sieht in der Euro-Krise auch große Vorteile für Deutschland: "Wir gelten als sicherer Hafen. Der Staat kommt derzeit für fast nichts an Geld ran."
    Der Wertpapierexperte Marc Renell sieht in der Euro-Krise auch große Vorteile für Deutschland: "Wir gelten als sicherer Hafen. Der Staat kommt derzeit für fast nichts an Geld ran."
    Foto: Werner Dupuis

    Renell führt uns in einen Seitengang. Das grüne Telefon und das gleichfarbige Fax versprühen den spröden Charme der 90er-Jahre. Kein Stuhl, kein Fenster, kein Tisch. Auf gefühlt einem Quadratmeter wickelten die Frankfurter Börsenhändler früher ihre Geschäfte ab - im Stehen. "Drei Stunden ging das irgendwie", sagt Renell. "Heute würden die Gewerkschaften wohl Alarm schlagen." Bei fernmündlichen Aufträgen galt das gesprochene Wort. Ehrenkodex. Danach stürzten die Händler raus aufs Parkett. In dem Gemenge waren auch pantomimische Fähigkeiten gefragt. Wild gestikulierend, wurden Zahlen in den Raum geschleudert. So stellt man sich Börse vor.

    Alles Geschichte. Heute geht es auf dem Parkett, das übrigens viel kleiner als im Fernsehen wirkt, beschaulicher zu. "Geschrei gibt's hier keins mehr", sagt Renell. Dafür jede Menge Kameras. An den großen Tafeln rattert es längst nur noch für die Medien. Auf den Wänden flimmern die aktuellen Börsenkurse von Bombay und Kuala Lumpur über kleine Bildschirme. "Interessiert eigentlich keinen", sagt Renell. Da steht die Show im Vordergrund.

    Hier schlägt es also, das kalte Herz des deutschen Kapitalismus - heute allerdings im Ruhepuls. Die Kurve des Deutschen Aktienindex, die die Entwicklung der 30 größten Unternehmen im Land wiedergibt, zeigt kaum Ausschläge. Der Händler Alexander Reitz, der ebenfalls für die Renell Bank arbeitet, wirkt tiefenentspannt. "Sehr, sehr dünn heute", sagt er. Gerade mal 100 000 Aktien hat er bisher gehandelt. Klingt nach ziemlich viel. An Spitzentagen können es aber auch 10 Millionen sein. "Das sind die Tage, an denen es Spaß macht."

    Auf sieben Bildschirmen verfolgt er das Marktgeschehen anhand von kryptischen Kürzeln und Zahlenreihen, die auf den Monitoren aufleuchten. Dann klingelt es. "Eine Order", sagt Reitz. Ein Kleinanleger will zehn Commerzbank-Aktien kaufen. Jetzt hat Reitz 15 Sekunden Zeit, um den Auftrag auszuführen. Wenige Mausklicks - und die Aktien wechseln den Besitzer. Wenn's richtig turbulent zugeht, können sich Händler da schon mal um ein paar Nullen vertun. Und einen Rückgängig-Knopf gibt es nicht. Gekauft ist gekauft. Alles schon passiert. "Mir zum Glück nicht", sagt Reitz. "Aber Kollegen." Da können schnell mal ein paar Tausend Euro zusammenkommen. "Risikomanagement ist ein ganz großes Thema bei uns", sagt Renell.

    Richtig rund ging es an dem Tag, an dem Lehman Brothers Konkurs anmeldete und die Finanzkrise 2008 auslöste. Reitz erinnert sich genau. "Das war Hektik pur. Ich wurde mit Verkaufsorders geradezu zugeworfen." Die Kurse sanken ins Bodenlose. Bei seinem Chef leuchten bei der Erinnerung indes die Augen. Denn Wertpapierhändler leben davon, dass Bewegung im Markt ist. Je mehr, desto besser. Bloß kein Stillstand. Denn sie kassieren bei jedem Klick über Gebühren mit. Eine Finanztransaktionsteuer, die bei jeder Order entrichtet werden müsste und europaweit bis zu 35 Milliarden Euro einbringen soll, stößt bei Renell folglich auf eher verhaltene Begeisterung. "Es würde uns nicht so sehr schaden, weil wir vor allem Privatanleger betreuen", vermutet er. Bei dem Käufer der zehn Commerzbank-Aktien würden nur wenige Cent fällig. "Aber viele Profis würden wohl nach London oder New York ausweichen." Dort stemmt sich die Politik vehement gegen Regulierungen der Finanzmärkte. In Frankreich hingegen ist die Steuer bereits eingeführt worden - "und die Umsätze sind deutlich eingebrochen", sagt Renell. Kapital kennt eben kein Vaterland.

    Befürworter einer solchen Steuer wollen vor allem Spekulanten abschrecken oder zumindest zur Kasse bitten. Aber wer verbirgt sich eigentlich dahinter? "Sie sind auch einer", sagt Renell, nachdem ich mich zuvor als Aktionär geoutet habe. Erwischt! "Günstig kaufen, teuer verkaufen - das ist nun mal das Grundprinzip des Handels." Und wie sieht es bei den Händlern selbst aus? Alle reich, wenn man dem gängigen Klischee glauben will. "Dann wäre ich nicht mehr hier", sagt Eduardo Quintino. Und auch Renell will nicht von einer Goldgräberstimmung reden. "Die Zeiten sind vorbei. Die Umsätze sind stark gesunken." Rund 1 Milliarde Euro wird pro Monat auf dem Frankfurter Parkett umgesetzt. Im elektronischen Handel sind es bereits 80 Milliarden Euro.

    Positionen der Parteien: WirtschaftGlossar: Von Staatsanleihen bis zur Finanztransaktionsteuer
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