Archivierter Artikel vom 20.11.2019, 14:10 Uhr
Andernach/Berlin

Motiv weiter unklar

Von Weizsäcker getötet: Angreifer soll in Psychiatrie

Der Berliner Chefarzt Fritz von Weizsäcker hält einen Vortrag in einer Klinik. Ein Mann mit einem Messer geht auf ihn los. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten stirbt. Einen Tag später werden die Hintergründe der Tat klarer.

RZ/dpaLesezeit: 4 Minuten

Das von der Schlosspark-Klinik zur Verfügung gestellte Handout zeigt das ausgelegte Kondolenzbuch für den Berliner Arzt Fritz von Weizsäcker und ein Foto des Mediziners.

Schlosspark-Klinik via dpa

Polizisten nehmen den Tatverdächtigen in der Schlosspark-Klinik in Berlin-Charlottenburg fest. Foto: Paul Zinken/dpa

Fritz von Weizsäcker steht im November 2015 beim Preis für Verständigung und Toleranz ides Jüdischen Museums auf dem Roten Teppich. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten und Chefarzt ist während eines Vortrags über sein Fachgebiet in der Schlosspark-Klinik erstochen.

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Die Witwe, Marianne von Weizsäcker (2.v.r.), und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck (r), sowie die Kinder von Richard von Weizsäcker, Fritz von Weizsäcker und Beatrice von Weizsäcker, stehen im Februar 2015 beim Staatsakt für den gestorbenen Bundespräsidenten von Weizsäcker am Berliner Dom.

dpa

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Bundespräsident Richard von Weizsäcker (l) spricht auf dem Ball des Sports 1987 in der Mainzer Rheingoldhalle mit seinem Sohn Fritz von Weizsäcker (r). Im Hintergrund steht Josef Neckermann, ehemaliger Dressurreiter.

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Blick auf die Berliner Schlosspark-Klinik am Tag nach dem Attentat. Foto: Paul Zinken/dpa

Berlin (dpa). Nach einem tödlichen Messerangriff auf den Berliner Arzt Fritz von Weizsäcker soll der Angreifer in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Die Tat hat in Deutschland Bestürzung ausgelöst.

Eingang zur Wohnung des mutmaßlichen Weizsäcker-Attentäters in Andernach
Eingang zur Wohnung des mutmaßlichen Weizsäcker-Attentäters in Andernach
Foto: Sascha Ditscher

Der 59 Jahre alte Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war am Dienstagabend während seines Vortrags von einem Zuhörer in einer Berliner Klinik attackiert worden und an den Folgen gestorben. Der Angreifer, ein 57-Jähriger aus Rheinland-Pfalz, wurde von einem zufällig anwesenden Polizisten überwältigt und später festgenommen. Der Polizist wurde schwer verletzt.

Die Eingangstür zur Wohnung des mutmaßlichen Täters wurde amtlich versiegelt.
Die Eingangstür zur Wohnung des mutmaßlichen Täters wurde amtlich versiegelt.
Foto: Sascha Ditscher

„Der Unterbringungsbeschluss wegen Mordes und wegen versuchten Mordes ist soeben antragsgemäß erlassen worden“, teilte die Staatsanwaltschaft Berlin am Mittwochabend bei Twitter mit. Der 57-Jährige sollte noch am Mittwoch in eine nicht näher benannte Einrichtung gebracht werden. Die Staatsanwaltschaft sprach von einer „akute(n) psychische(n) Erkrankung“. Das Motiv des Mannes liege in einer „wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung“ gegen die Familie des Getöteten, begründete die Ermittlungsbehörde und berief sich auf eine psychiatrische Untersuchung vom Mittwoch. Der Mann war zuvor nicht mit Straftaten in Erscheinung getreten.

Der 57-Jährige habe angegeben, die Tat geplant zu haben, hieß es. Im Internet sei er auf den Vortrag des Chefarztes in der Schlosspark-Klinik gestoßen. Der Mann sei am Dienstag mit der Bahn zu der Veranstaltung gefahren. Zuvor habe er noch in Rheinland-Pfalz ein Messer gekauft, um damit die Tat zu begehen. Für von Weizsäcker kam jede Hilfe zu spät.

Dem Angreifer werden Mord und versuchter Mord zur Last gelegt. Der 33-jährige Polizist, der privat bei dem Vortrag war und dazwischen ging, wurde operiert. Er ist außer Lebensgefahr, wie es von der Polizei hieß. Mehrere der etwa 20 Menschen im Publikum halfen, den Angreifer festzuhalten. Er wurde festgenommen. Seine Wohnung in Rheinland-Pfalz wurde durchsucht. Der Verdächtige kommt nach dpa-Informationen aus Andernach.

Eine Mordkommission hat die Ermittlungen übernommen. Diese gingen in alle Richtungen, hieß es. Beamte wollten auch die Familie von Weizsäckers dazu befragen, ob es Bedrohungen gegeben haben könnte. Experten untersuchten den Tatort. Notfallseelsorger waren vor Ort, um Zuschauer und Mitarbeiter der Klinik zu betreuen.

Kanzlerin Angela Merkel bekundete ihr Beileid. „Es ist ein entsetzlicher Schlag für die Familie von Weizsäcker, und die Anteilnahme der Bundeskanzlerin, sicher auch der Mitglieder der Bundesregierung insgesamt, gehen an die Witwe, an die ganze Familie“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin.

Die Schlosspark-Klinik legte ein Kondolenzbuch aus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier drückte der Mutter des Opfers, der einstigen First Lady Marianne von Weizsäcker (87), handschriftlich sein Mitgefühl aus.

Der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker würdigte seinen Cousin Fritz mit warmen Worten: „Ich fand ihn ganz wunderbar“, sagte von Weizsäcker der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Ich habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt.“ Fritz von Weizsäckers Schwester Beatrice postet bei Instagram ein Kreuz.

FDP-Chef Christian Lindner bekundete auf Twitter seine Trauer. Von Weizsäcker sei ein „passionierter Arzt und feiner Mensch“ und ein Freund gewesen.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) betonte, sie verurteile Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte „aufs Äußerste“. Dass Menschen, die anderen helfen und Leben retten, so etwas passiere, erschüttere sie besonders.

Von Weizsäcker hatte eine lange Karriere als Mediziner hinter sich. Nach Stationen in Freiburg, Boston und Zürich war er seit 2005 Chefarzt der Abteilung Innere Medizin I an der Schlosspark-Klinik. Von Weizsäckers Vater Richard von Weizsäcker (1920-2015) war von 1984 bis 1994 Bundespräsident der Bundesrepublik, zuvor Regierender Bürgermeister von Berlin.

In der Vergangenheit waren immer wieder Prominente bei öffentlichen Veranstaltungen angegriffen worden. Während einer Wahlkampfveranstaltung im badischen Oppenau hatte ein geistig Verwirrter 1990 auf den damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) geschossen. Er ist seither querschnittsgelähmt.

1990 griff eine geistig verwirrte Frau den damaligen saarländischen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine (SPD) in Köln mit einem Messer an. Sie verletzte ihn lebensgefährlich. Der Hamburger Justizsenator Roger Kusch (CDU) war 2004 von einer geistig verwirrten Frau im Wahlkampf 2004 mit einem Messer verletzt worden.

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