Kriminalität

Solinger Kindermorde: Mutter zu lebenslanger Haft verurteilt

In einer Wohnung in Solingen werden die Leichen von fünf Kindern entdeckt. Nun ist ihre Mutter als fünffache Mörderin verurteilt worden. Auslöser der Tat soll ein Foto gewesen sein.

Im Gerichtssaal
Die 28-jährige Angeklagte im Gerichtssaal.
Foto: Oliver Berg/dpa

Wuppertal/Solingen (dpa) – Christiane K. ist aschfahl und blickt starr vor sich auf den Boden. Das Wuppertaler Landgericht hat sie soeben als fünffache Mörderin zu lebenslanger Haft verurteilt und die besondere Schwere ihrer Schuld festgestellt.

Die Mordopfer sind fünf ihrer sechs Kinder, sie wurden nur zwischen einem und acht Jahre alt. Die 28-Jährige hatte sie in Solingen (Nordrhein-Westfalen) mit Medikamenten betäubt und dann in der Badewanne ertränkt oder erstickt. „Es ist eine Tragödie“, sagt der Vorsitzende Richter Jochen Kötter am Donnerstag in seiner Urteilsbegründung.

Die Erklärung für das „unglaubliche Geschehen“ sei nur schwer nachvollziehbar, räumt er ein. Es sei eine Mischung aus „Wut, Verzweiflung, Demütigung und Rache“ gewesen, die die Mutter zu dieser Tat getrieben habe – nachdem sie am Morgen des 3. Septembers vergangenen Jahres festgestellt hatte, dass „ihr Lebensentwurf geplatzt“ war.

Auslöser: Foto des Ehemanns

Auslöser sei ein Foto gewesen, das ihren Ehemann küssend mit seiner neuen Freundin zeigte. Als sie dieses Bild im Chat-Kanal sah, „nahm das Unglück seinen Lauf“, erklärt der Richter. „Das Foto erschütterte sie zutiefst.“

Zuvor habe sie ihren Mann immer wieder zur Rückkehr bewegen können, habe ihn eifersüchtig gemacht und mit ihrer „manipulativen“ Art stets Erfolg gehabt. „Doch dann stellt sie fest: Er entgleitet ihr. Ihr entgleitet die Kontrolle. Das kann sie nicht ertragen.“

„Ich kann echt nicht mehr“, schreibt sie ihrer Mutter. „Man merkt, da baut sich was auf“, so am Donnerstag der Richter. Die Chat-Protokolle sind das entscheidende Beweismittel.

Tatvorgang

Bei der Tötung ihrer Kinder habe sie „die sanfte Methode“ gewählt: nach dem Frühstück Wasser in die Badewanne einlaufen lassen, Spielzeug bereitgelegt und den Heizlüfter installiert. Zuvor hatte sie ihnen teilweise lebensgefährlich hohen Mengen von Medikamenten verabreicht, so dass ihre Gegenwehr geschwächt gewesen sein dürfte.

Dann habe sie Kind für Kind heimtückisch umgebracht, indem sie jedes unter Wasser drückte. „Man mag es sich nicht ausmalen“, sagt der Richter. Man könne nur hoffen, dass die Kinder so betäubt waren, dass sie davon nicht mehr viel mitbekamen.

Als die Polizei die Kinder fand, seien diese, das könne man der Mutter nicht absprechen, mit einer gewissen Würde und Empathie gebettet gewesen. „Sie hatten feuchte Haare und lagen in den Betten, als würden sie schlafen.“

Die Behauptung von Christiane K., ein Fremder sei in ihre Wohnung eingedrungen, habe sie gefesselt, sie zu den Chat-Nachrichten gezwungen und ihre Kinder umgebracht, sei schlicht „Quatsch“. „Das ist ein ausgedachtes Szenario, das kann einfach so nicht gewesen sein“, betont der Richter.

Er führt eine lange Reihe von Indizien an, die die Version der Mutter nach Überzeugung der Kammer widerlegen. Die Tötung der Kinder, da ist das Gericht überzeugt, fand in einer größeren Chat-Pause statt.

Auffälligkeiten in der Kindheit

In der Kindheit der 28-Jährigen habe es durchaus Auffälligkeiten gegeben: Zusammenbrüche in der Schule, Hyperventilieren, Verfolgungsängste. Die Kammer gehe davon aus, dass die sechsfache Mutter Opfer sexuellen Missbrauchs bis hin zu einer Vergewaltigung geworden sei. Ob sie auch von ihrem Vater, der wegen Kinderpornografie verurteilt ist, missbraucht wurde, habe dagegen nicht aufgeklärt werden können.

Woher der „abgrundtiefe Hass“ gegen ihren Vater rühre, habe sie nicht verraten wollen. „Was da wirklich vorgefallen ist, da haben wir keinen Einblick bekommen“, sagt Richter Kötter. Was auch immer geschehen sei, es ändere nichts an der vollen Schuldfähigkeit der Hausfrau, die schon als Schülerin schwanger wurde. Die Gutachter hätten nicht feststellen können, dass sie eine Störung davongetragen habe, die ihre Schuld mindere.

Dem Mobbing und der Missachtung in der Schule entkommt Christiane K. durch ihre frühe Mutterschaft. Die Großfamilie, die abgegrenzt von allen anderen wie auf einer Insel lebt, wird zu ihrem Lebenskonzept, das auch eine Weile funktioniert habe, sagt Kötter. Die Kinder hätten sich gut entwickelt, der Haushalt sei von ihr tadellos, ja perfektionistisch geführt worden.

Melina (1), Leonie (2), Sophie (3), Timo (6) und Luca (8) starben dennoch durch die Hand ihrer Mutter. Die Deutsche warf sich anschließend im Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug, aber sie überlebte. Ihr ältester Sohn blieb körperlich unverletzt. Seine Mutter hatte ihn zur Großmutter an den Niederrhein geschickt. Um ihn müsse man sich nun sehr viele Sorgen machen, sagt der Richter.

Die Verteidiger kündigen derweil an, gegen das Urteil in Revision zu gehen und vor den Bundesgerichtshof zu ziehen.

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