Archivierter Artikel vom 06.12.2019, 05:12 Uhr
Oswiecim

Besuch im ehemaligen KZ

Merkel warnt in Auschwitz vor Antisemitismus und Hassreden

Ihr erster Besuch im ehemaligen deutschen KZ Auschwitz-Birkenau fiel Kanzlerin Merkel ganz offensichtlich alles andere als leicht. Die Gedenkstätte sei Mahnung gegen Vergessen und Relativieren. Merkel wandte sich klar gegen Geschichtsrevisionismus und Judenhass.

Lesezeit: 4 Minuten
Merkel in Auschwitz
Verneigung vor den Opfern: Bundeskanzlerin Angela sich nach einer Kranzniederlegung an der Todesmauer im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz.
Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Oswiecim (dpa). Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat angesichts der von den Nationalsozialisten im deutschen Konzentrationslager Auschwitz begangenen Gräuel vor Antisemitismus und Hassreden gewarnt.

Merkel in Auschwitz
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Mateusz Morawiecki, Ministerpräsident von Polen, verneigen sich nach einer Kranzniederlegung im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz.
Foto: Robert – dpa

„Wir erleben einen Besorgnis erregenden Rassismus, eine zunehmende Intoleranz, eine Welle von Hassdelikten“, sagte Merkel am Freitag bei ihrem ersten Besuch in Auschwitz in Anwesenheit des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki.

Bundeskanzlerin Merkel
Bundeskanzlerin Angela Merkel verlässt nach ihrer Rede im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau das Rednerpult.
Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Es gebe einen Angriff auf die Grundwerte der liberalen Demokratie und einen gefährlichen Geschichtsrevisionismus, sagte Merkel. „Wir dulden keinen Antisemitismus. Auschwitz mahne täglich, wachsam zu sein. „Wir dürfen niemals vergessen. Einen Schlussstrich kann es nicht geben. Und auch keine Relativierung.“

Merkel in Auschwitz
Bundeskanzlerin Angela Merkel (r.) und der Direktor der Gedenkstätte und Präsident der Stiftung Auschwitz-Birkenau, Piotr Cywinski, im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Foto
Foto: dpa

Gleich zu Beginn ihrer Rede in der Gedenkstätte des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers sagte Merkel, sie empfinde tiefe Scham. Angesichts der Verbrechen, die die Grenzen alles Fassbaren überschritten, müsse man vor Entsetzen eigentlich verstummen. Dennoch dürfe das Schweigen nicht die einzige Antwort sein. Deutschland sei verpflichtet, die Erinnerung an die damaligen Verbrechen wach zu halten.

Bundeskanzlerin Merkel besucht KZ Auschwitz
Kanzlerin Merkel im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz. Rechts neben ihr: Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki.
Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Zugleich bezeichnete es die Kanzlerin als großes Geschenk, dass es nach den Nazi-Gräueln heute in Deutschland wieder ein blühendes jüdisches Leben gebe. Das gleiche fast einem Wunder. Es könne aber Geschehenes nicht ungeschehen machen und die ermordeten Juden nicht zurückbringen. „In unserer Gesellschaft wird für immer eine Lücke klaffen.“

Konzentrationslager Auschwitz
Bundeskanzlerin Angela Merkel stattet dem ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau einen Besuch ab.
Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Die Kanzlerin betonte, es sei wichtig, deutlich zu benennen, dass damals Deutsche die Täter gewesen seien. Dies sei man auch den Opfern schuldig. Die Verantwortung für die damaligen Taten gehörten untrennbar zu Deutschland, sie seien fester Teil der nationalen Identität. Die Taten Deutscher in Auschwitz stehe für das größte Menschheitsverbrechen, für den Holocaust, für die Verfolgung von Sinti und Roma, von Homosexuellen und anderen, für Hunger, Kälte, Seuchen, Zwangsarbeit und medizinische Versuche an Menschen.

Auch Polens Ministerpräsident warnte beim Besuch der Kanzlerin in Auschwitz-Birkenau vor dem Vergessen. Es gebe immer weniger Zeitzeugen. Umso größer sei die Verpflichtung, die Erinnerung zu bewahren und zu pflegen. „Wenn die Erinnerung geht, hätten wir zum zweiten Mal diese Menschen verletzt, die hier so gelitten haben.“ Der polnische Staat verpflichte sich, die Erinnerung an die Verbrechen von Nazi-Deutschland aufrechtzuerhalten.

Merkel zeigte sich bewegt, bei ihrem Besuch Zeitzeugen begrüßen zu dürfen. Diese hätten immer wieder aus ihrer Leidenszeit berichtet. Sie teilten ihre Geschichte, damit jüngere Menschen davon lernen könnten. „Sie zeigen wahrhaft menschliche Größe. Ich bin sehr dankbar, dass wir von Ihnen lernen dürfen“, sagte die Kanzlerin.

Der 87-jährige Auschwitz-Überlebende Bogdan Stanislaw Bartnikowski hatte zuvor von den traumatischen Erlebnissen erzählt, die er als Junge in dem Konzentrationslager hatte.

Anlass für Merkels Besuch ist das zehnjährige Bestehen der Stiftung Auschwitz-Birkenau, die sich für den Erhalt der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Lagers einsetzt. Angesichts der historischen deutschen Verantwortung stellen Bund und Länder für die Erhaltung der Gedenkstätte zusätzlich insgesamt 60 Millionen Euro zum Kapitalstock der Stiftung zur Verfügung. Merkel wurde unter anderem vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, begleitet.

Das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im von Deutschland besetzten Polen gilt weltweit als Symbol für den Holocaust. Während des Zweiten Weltkrieges (1939-45) wollten die deutschen Nationalsozialisten die europäischen Juden systematisch ermorden.

Ihrem Rassenwahn fielen nach Erkenntnissen der Forschung rund sechs Millionen Juden zum Opfer. Sie wurden ermordet durch Vergasung, Erschießung, Injektionen, medizinische Versuche oder durch gezieltes Verhungern lassen – allein in Auschwitz-Birkenau waren es nach Schätzungen mehr als eine Million Opfer, die meisten Juden.

Merkel wurde am Freitagvormittag von Morawiecki empfangen, der vom Direktor der Gedenkstätte und Präsidenten der Stiftung Auschwitz-Birkenau, Piotr Cywinski, begleitet wurde.

Internetauftritt der Stiftung Auschwitz-Birkenau (engl.)

Informationen zu Auschwitz I – Stammlager

Informationen zu Auschwitz II – Birkenau

Merkel in Auschwitz: Wir dürfen niemals vergessen