Archivierter Artikel vom 28.11.2012, 17:06 Uhr
Essen

„Afghanistan-Papiere“: Internetnutzer sollen neues Leak-Projekt unterstützen

Die WAZ-Mediengruppe hat rund 5000 Dokumente über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan aus den Jahren 2005 bis 2012 veröffentlicht. Internetnutzer sollen nun bei der Auswertung der Papiere unterstützen, die sonst nur Bundestagsabgeordnete erhalten.

Essen – Die WAZ-Mediengruppe hat rund 5000 Dokumente über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan aus den Jahren 2005 bis 2012 veröffentlicht. Internetnutzer sollen nun bei der Auswertung der Papiere unterstützen, die sonst nur Bundestagsabgeordnete erhalten. Crowdsourcing gilt als Möglichkeit, große Daten und Textmengen auszuwerten. Schon 2010 bezogen Redaktionen ihre Leser und engagierte Internetnutzer in die Auswertung der Wikileaks-Veröffentlichungen der E-Mails von US-Diplomaten mit ein.

Diese gemeinschaftliche Auswertung ermöglicht es, große Mengen an Dokumenten schnell auf relevante Inhalte hin zu überprüfen.

WAZ-Leaks: Das bisherige Bild des Afghanistaneinsatzes wird in Frage gestellt
WAZ-Leaks: Das bisherige Bild des Afghanistaneinsatzes wird in Frage gestellt
Foto: Screenshot
Bei den Verschlusssachen (VS) mit der Einstufung „VS – Nur für den Dienstgebrauch“ handelt es sich um die wöchentlichen Unterrichtungen des Parlaments, die den Abgeordneten des Verteidigungsausschusses die Lage in Afghanistan erörtern.

Wie die WAZ-Redaktion betont, sind es Dokumente des niedrigsten Geheimhaltungsgrades. Rückschlüsse auf Einsatztaktiken ließen sich nicht ziehen. Somit sei nicht von einer Gefährdung der Soldaten auszugehen. Doch die Öffentlichkeit soll diese wohl nicht zu sehen bekommen. Ein Antrag auf Offenlegung der Berichte der Jahre 2001 bis 2005 sowie ergänzende Übersendungen von einzelnen Berichten aus den Jahren 2005 bis 2012 lehnten Bundestag und Verteidigungsministerium bisher ab.

Fragwürdige Geheimhaltungsinteressen

Die Informationen aus den Dokumenten weichen von dem ab, was die Bundeswehr der Öffentlichkeit zugänglich macht. Geheimhaltungsbedürftig scheint offenbar der Einsatz deutscher Soldaten in Südafghanistan zu sein. Mit einer Sondergenehmigung des Verteidigungsministeriums sind Soldaten einer Fernmeldeeinheit in Kandahar im Einsatz. In den öffentlich zugänglichen Berichten ist davon allerdings keine Rede. Das sollen offenbar nur die Bundestagsmitglieder erfahren.

Eine Maßnahme, die vielleicht zu begründen wäre, aber die Soldaten des Fernmeldebataillons berichten ganz offen in der Lokalpresse oder auf den Seiten ihres Bataillons zu ihrem Einsatz in Kandahar.

Kommunikations-Chaos oder „Stille-Post-Spiel“ ?

Schon der Abgleich der jetzt veröffentlichten Dokumente mit den Pressemitteilungen der Bundeswehr fördert ähnliche Beispiele zu Tage. Dabei sind die Informationen, die als Verschlusssache an die Parlamentarier gehen, teilweise unpräziser als jene auf der frei zugänglichen Bundeswehrseite. Ein Beispiel:

Am 27.09.2008 wurde das Bundeswehrlager in Masar-e-Sharif durch Aufständische beschossen.

Die am Tag des Vorfalls fortlaufend aktualisierte Pressemeldung listet dabei mehr und teilweise andere Informationen, als die zusammenfassende Unterrichtung der Abgeordneten wenige Tage darauf.

Auf der Seite Bundeswehr.de heißt es in einer Aktualisierung:

Nachdem Camp Marmal durch mindestens zwei Mörsergranaten angegriffen wurde, rückten Sicherungskräfte aus. Dabei wurden diese von einer unbekannten Anzahl von Angreifern mit Handwaffen beschossen. Die Soldaten erwiderten das Feuer. Bei dem Feuergefecht gab es keine Verluste an Personal und Material auf deutscher Seite. Gesicherte Erkenntnisse über Verluste der Angreifer liegen nicht vor.

In der Darstellung für die Bundestagsabgeordneten findet sich dann aber kein Hinweis mehr auf ein „Gefecht mit Handwaffen“. Es wird lediglich geschildert, dass Soldaten außerhalb des Camps im Einsatz waren. Unklar bleibt nach dieser Gegenüberstellung auch, mit welchen Waffen das Camp beschossen wurde. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen Raketen und Granaten.

Im Bundestag sollen diese Unterrichtungen eigentlich dazu dienen, den Abgeordneten ein Bild vom Bundeswehreinsatz zu vermitteln. Doch wie kann angesichts einer lückenhaften Darstellung über Mandatsverlängerungen, aber auch neue Einsätze der Bundeswehr entschieden werden?

Es stellt sich also die Frage, welche Version der Ereignisse dem nahe kommt, was Soldaten an diesem Tag in Masar-e-Sharif wirklich erlebt haben. Und wie viele Versionen gibt es noch?

All das sollen nun Internetnutzer auf den Seiten der WAZ sichten, ordnen und kommentieren, um zu einem neuen und präziseren Bild des Afghanistaneinsatzes zu gelangen.

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Von Daniel Lücking