Archivierter Artikel vom 25.10.2010, 14:54 Uhr

Wirtschaftsforscher warnen vor raschen Lohnerhöhungen

München (dpa). Für kräftige Lohnerhöhungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist es nach Ansicht von ifo-Chef Hans-Werner Sinn und IWH-Präsident Ulrich Blum trotz des rasanten Wirtschaftsaufschwungs noch zu früh. «Man kann durch Lohnerhöhungen auch vieles kaputt machen», sagte Sinn am Montag in München.

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Ulrich Blum
Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum (Archivbild).

Es sei verständlich, dass die Beschäftigten nach der jahrelangen Zurückhaltung nun auf kräftige Lohnerhöhungen hofften. Der derzeitige Aufschwung werde aber vor allem durch die Binnennachfrage getragen, die von den Investitionen der Firmen lebe. «Diese Binnennachfrage würde man kaputt machen mit Lohnerhöhungen.»

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum sagte am Montag bei MDR Info, das (Lohnerhöhungen) «geht erst in Zukunft wirklich flächendeckend los. Zur Zeit noch nicht.» Gegenwärtig bewege sich Deutschland in eine Richtung, wo man sagen könne, ab 2011-12 könne man darüber reden, wenn alles gut gehe und kein China-Problem und kein Amerika-Problem entstehe. Es gebe aber sicher Bereiche, die so gut verdienten, dass Lohnerhöhungen bereits heute möglich seien, sagte Blum.

Auch führende Arbeitgeber-Vertreter hatten kräftigen Lohnerhöhungen eine Absage erteilt. Mittelfristig werden die Beschäftigten den Aufschwung nach Ansicht von Sinn aber im Portemonnaie spüren. «Die Nachfrage wird dazu führen, dass sich die Firmen überbieten, um Mitarbeiter zu bekommen.» Ein Ende des Aufschwungs sei derzeit nicht in Sicht. «Wenn es gut läuft, wird Deutschland einige sehr gute Jahre haben.» Sinn sprach von einem «wunderschönen Aufschwung».

Der ifo-Index, den das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut monatlich nach einer Umfrage unter 7000 Unternehmen erstellt, war in der vergangenen Woche erneut deutlich gestiegen. Besonders im Einzelhandel brummt das Geschäft. «Wir haben im Einzelhandel ein Konsumklima wie seit der deutschen Vereinigung nicht.» Der Bau profitiere von den historisch niedrigen Zinsen und stehe möglicherweise vor einem regelrechten Boom.

Als Gefahr für die weltweite Wirtschaft sieht Sinn den Währungsstreit. Insbesondere die USA werfen China vor, seine Währung zum Vorteil seiner Exporte künstlich niedrig zu halten. Sinn warnte aber davor, den Handel mit China durch neue Zölle zu beschränken. «Wenn wir einen Handelskrieg bekommen durch Zölle, dann ist das verheerend für die Welt, weil die Arbeitsteilung damit unterbunden wird.»

Nach der Stahlindustrie stehen in großen Branchen Ende des Jahres die Verhandlungen im Öffentlichen Dienst der Länder und im Frühjahr 2011 für den Einzelhandel, die chemische Industrie und das Baugewerbe an.