Archivierter Artikel vom 06.07.2010, 10:52 Uhr

Spekulationen um BP-Zerschlagung

London/Washington (dpa) – Die astronomische Kosten für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko führen zu immer düsteren Zukunftsszenarien: Die britische Regierung bereitet sich nach Informationen der «Times» schon auf ein Auseinanderbrechen des BP-Konzerns vor.

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BP
Ist das Weltunternehmen BP ein Sanierungsfall? Dem Ölkonzern BP droht angeblich die Zerschlagung.

Es würden Krisenpläne für den Fall eines Zusammenbruchs oder einer Zerschlagung ausgearbeitet, berichtete die Zeitung am Dienstag. Die Nachrichtenagentur dpa erfuhr dazu aus britischen Regierungskreisen, es werde in der Tat über solche Pläne gesprochen, allerdings sei dies obligatorisch und habe nicht viel zu bedeuten. Eine Regierung müsse auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Dies bedeute aber nicht, dass die britische Regierung wirklich von einem BP-Kollaps ausgehe. Die Gespräche fänden auch nicht auf hochrangiger Ebene statt.

Zumindest auf den Kurs der BP-Aktie wirkten sich die wilden Gerüchte aber durchaus positiv aus. Am Dienstagvormittag kletterte die Aktie um fast drei Prozent und notierte am Nachmittag immer noch mit 1,6 Prozent im Plus. Seit April hat sich der Aktienkurs des Unternehmens wegen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nahezu halbiert. Auf dem derzeitigen Niveau waren die Titel zuletzt im April 1997 gehandelt worden.

Falls das ehemals größte britische Unternehmen die Krise nicht überleben sollte, betrifft dies unmittelbar britische Interessen. So gehört BP der größte Teil der britischen Energie-Infrastruktur. Dazu gehört unter anderem ein Leitungssystem, das über 50 Öl- und Gasfelder in der Nordsee verbindet, wie die «Times» berichtet. Allein in Großbritannien beschäftigt der Konzern mehr als 10 000 Menschen. Im vergangenen Jahr bescherte BP dem britischen Schatzkanzler Steuereinnahmen in Höhe von fast sechs Milliarden Pfund (7,25 Mrd Euro).

Von einem etwaigen Zusammenbruch wären auch viele britische Fonds zur Altersvorsorge betroffen, die in BP-Aktien investiert haben. Der britische Premierminister David Cameron wolle die Zukunft von BP deshalb während eines Besuchs in Washington am 20. Juli mit Vertretern der US-Regierung besprechen, berichtete die Zeitung.

Als potenzielle Übernahme-Interessenten gelten BPs Hauptkonkurrenten, die amerikanische ExxonMobil und die niederländisch-britische Royal Dutch Shell. BP betont jedoch immer wieder, dass es die Krise aus eigener Kraft überwinden werde.

Bereits am Montag war in der britischen Presse spekuliert worden, BP könne sich einen potenten Investor an Bord holen, um sich gegen eine mögliche Übernahme zu schützen. Gleichzeitig könne ein solcher Investor helfen, Mittel einzusammeln, um die Kosten der Ölkatastrophe zu stemmen.

Im Gespräch sind vor allem Staatsfonds etwa aus Abu Dhabi, Kuwait, Katar und Singapur. Allerdings haben einige der BP-Aktionäre bereits ihren Widerwillen gegen einen solchen Plan geäußert. Das «Wall Street Journal Europe» heizte die Spekulationen mit einem Bericht über ein mögliches Interesse Libyens nun weiter an. So habe ein führender Ölmanager des Landes die Aktien als Schnäppchen bezeichnet.

Unterdessen hat die schlimmste Ölpest der US-Geschichte nun auch den Bundesstaat Texas erreicht. Ölklumpen seien an Strände der texanischen Ostküste nahe Galveston gespült worden, berichteten US-Medien am Dienstag. Damit sind jetzt alle fünf Bundesstaaten am Golf von Mexiko von der Umweltkatastrophe betroffen. Die Leistung des umgebauten Supertankers «A Whale», der die Verschmutzung eindämmen soll, blieb bislang weit hinter den Erwartungen zurück.

Insgesamt seien in Louisiana, Alabama, Florida, Mississippi und Texas fast 800 Kilometer Küste verseucht, teilte die US-Küstenwache mit. Das Öl aus der unablässig sprudelnden Quelle sei erstmals auch in den Pontchartrain-See im Südosten von Louisiana geschwemmt worden, einen riesigen Brackwassersee nördlich von New Orleans.

Der Ölteppich auf dem Wasser ist seit Tagen kaum mehr zu kontrollieren, weil schlechtes Wetter das Meer aufwühlt und die Säuberungsmaßnahmen behindert. Derzeit seien die Wellen bis zu zweieinhalb Meter hoch, sagte ein BP-Sprecher.

Pro Tag würden derzeit nur etwa 120 Tonnen Öl aus dem Wasser gesaugt, berichtete die «Washington Post». Das ist nur ein Bruchteil der maximal 8200 Tonnen, die nach offiziellen Schätzungen täglich aus dem Leck strömen. Direkt an der Unglücksstelle fängt BP derzeit rund 3400 Tonnen auf.