Archivierter Artikel vom 18.02.2011, 10:22 Uhr

Sorge um Finanzplatz Frankfurt wächst

Frankfurt/New York (dpa) – Der Zusammenschluss von Deutscher und New Yorker Börse schürt beiderseits des Atlantiks Sorgen um den Verlust von Arbeitsplätzen und Einfluss. Die Deutsche Börse versucht zu beruhigen. Doch ein neues Dokument zeigt: Ab 2016 könnten die Machtverhältnisse kippen.

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Deutsche Börse und NYSE Euronex
Duncan Niederauer, Chef der New York Stock Exchange (NYSE) Euronext, auf dem Parkett der New Yorker Börse.

Denn dann ist die Machtverteilung bei der neuen Megabörse wieder offen. Dann endet die im Fusionsvertrag mit der NYSE Euronext festgeschriebene Übermacht von Vertretern der Deutschen Börse im Verwaltungsrat. Das geht aus einem Dokument an die US-Börsenaufsicht SEC hervor. Danach wird der Verwaltungsrat von 17 auf 12 Personen verkleinert und die zugunsten der Deutschen Börse eingeräumte Proporzregel aufgehoben, die den Frankfurtern momentan 10 Sitze und damit das letzte Wort im Konzern sichert.

Zwar hatten beide Seiten bei der Bekanntgabe der Fusion betont, dass es sich um einen Zusammenschluss auf Augenhöhe handele. Doch beiderseits des Atlantiks geht die Angst um, am Ende der Verlierer zu sein. Hierzulande wird die Sorge dadurch geschürt, dass der bisherige NYSE-Chef Duncan Niederauer auch dem Gesamtkonzern vorstehen wird. Reto Francioni von der Deutschen Börse wird Chef des Verwaltungsrats. Nach den Angaben im SEC-Dokument laufen ihre Verträge bis zum Aktionärstreffen 2016, die einfachen Gremiumsmitglieder können schon 2015 neu bestimmt werden.

Die Deutsche Börse hat Spekulationen zurückgewiesen, die Fusion mit der NYSE Euronext werde massiv Jobs in Deutschland gefährden. Äußerungen, wonach die Fusion «Tausende von Arbeitsplätzen in Frankfurt kosten könnte, sind rein spekulativ und völlig überzogen», sagte ein Sprecher am Freitag der dpa in Frankfurt. Das Dax-Unternehmen hat bisher keinerlei Angaben zu möglichen Folgen des Zusammenschlusses für die Arbeitsplätze gemacht.

Gleichzeitig machte der Sprecher deutlich, dass der mit dem vollelektronischen Handelssystem Xetra laufende Kassamarkt weiter in Frankfurt betrieben werde. Offen sei lediglich, mit welchem System. Xetra beschäftigt nach den Angaben derzeit rund 130 Mitarbeiter. Diese würden aber auch künftig gebraucht, um den Kassamarkt zu betreiben, sagte der Sprecher. Die Managementverantwortung für den Aktienhandel wird in New York liegen, sobald die Fusion der Marktbetreiber vollzogen ist.

Die Deutsche Börse und die NYSE Euronext wollen ihren Zusammenschluss bis zum Jahresende in trockenen Tüchern haben. Allerdings gibt es Widerstände bei Politik und Aufsichtsbehörden. Aktionäre der NYSE haben erste Klagen eingereicht. Sie fühlen sich benachteiligt. Die Aktionäre der Deutschen Börse sollen 60 Prozent an einer neuen, gemeinsamen Dachgesellschaft halten, die Aktionäre der NYSE Euronext die restlichen 40 Prozent.

Mit dem Zusammenschluss entsteht die weltgrößte Börse. Allerdings legt die Konkurrenz gleich wieder nach. Neben der Mega-Fusion schauen sich gerade noch eine ganze Reihe weiterer Handelsplätze nach Partnern um. Denn das Geschäft wird immer härter. Die US-Handelsplattform BATS Global Markets steht nach Informationen des «Wall Street Journals» kurz vor der Übernahme des europäischen Rivalen Chi-X. Als Kaufpreis nennt die Zeitung «bis zu 360 Millionen Dollar» (265 Mio Euro).

Gemessen an der milliardenschweren Fusion der beiden Großbörsen erscheint das wenig. Doch die erst wenige Jahre alten alternativen Handelsplätze sind die Senkrechtstarter der Finanzwelt und gelten als Gefahr für die etablierten Anbieter. Sie unterliegen weniger scharfen Vorschriften und können deshalb Transaktionen zu geringeren Gebühren abwickeln. Vor allem im Aktienhandel haben sie den Börsenbetreibern viele Kunden abspenstig gemacht und die Preise gedrückt.

Nach Angaben des US-Wirtschaftssenders «Fox Business» stehen zudem die Technologiebörse Nasdaq OMX und der Rohstoffhandelsspezialist IntercontinentalExchange (ICE) in Verhandlungen über einen Zusammenschluss. Beide Unternehmen haben ihren Sitz in den Vereinigten Staaten und geraten durch die Fusionswelle immer mehr unter Druck. Die Londoner Börse bandelt gerade mit Toronto an, Singapur schluckt Sydney.

WSJ-Bericht – kostenpflichtig

FOX-Video

Informationen zur Fusion von Deutscher Börse und NYSE