Archivierter Artikel vom 15.01.2020, 12:00 Uhr

Weltwirtschaftsforum warnt

Flammender Appell aus Davos: Klimawandel als größtes Risiko

„Für eine solidarische und nachhaltige Welt“ sollen sich die Teilnehmer der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos einsetzen. Die Zeit drängt, warnt die Organisation. Vor allem ein Thema beherrscht die Diskussion.

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Sydney in gelb
Die Superhitze hat Australien entzündet: Viele Bewohner Sydneys tragen Atemschutzmasken, um sich vor den Rauchschwaden der nahen Buschbrände zu schützen.
Foto: Paul Braven/AAP/dpa

Davos/London (dpa) – Im Kampf gegen den Klimawandel hat das Weltwirtschaftsforum (WEF) in einem flammenden Appell eine sofortige Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gefordert.

Sommerhitze in Hamburg
Hitze in Hamburg: Am S-Bahn-Eingang Jungfernstieg zeigt eine digitale Temperaturanzeige 40 Grad Celsius an.
Foto: Bodo Marks/dpa

Angesichts von geopolitischen Turbulenzen sowie Abschottung sei Kooperation der einzige Weg, allgemeinen Gefahren entschlossen entgegenzutreten, betonte das WEF in seinem in London vorgestellten Weltrisikobericht. Ansonsten drohten „katastrophale“ Folgen, da wirtschaftliche Konflikte und politische Polarisierung zunähmen.

Kohlekraftwerk am Kapitol
Die Kuppel des Kapitols in Washington D.C. hinter den Abgasen des Kapitol-Kraftwerks.
Foto: Jim Lo Scalzo/EPA/dpa

Die drängendsten Herausforderungen seien die Klimakrise, der Verlust der biologischen Vielfalt und ein rekordverdächtiger Artenrückgang, stellte das WEF knapp eine Woche vor Beginn seines Jahrestreffens in Davos fest. „Die Welt kann nicht darauf warten, dass sich der Nebel der geopolitischen und weltwirtschaftlichen Unsicherheit lüftet“, so die Organisation.

Arktis
Gebrochenenes Meereis treibt auf der Victoria Strait im Arktischen Ozean.
Foto: David Goldman/AP/dpa

Konkret nennt WEF-Präsident Borge Brende den Handelskrieg zwischen den USA und China als Grund zur Sorge – gepaart mit zunehmenden Schuldenlasten und niedrigem Wachstum vor allem der führenden Volkswirtschaften (G20).

Abholzung im Regenwald
Abholzung im brasilianischen Regenwald.
Foto: Werner Rudhart/dpa/Archiv

„Die politische Landschaft ist zerklüftet, die Meeresspiegel steigen, und klimabedingte Feuer brennen“, sagte Brende einer Mitteilung zufolge. „Dies ist das Jahr, in dem Weltpolitiker mit allen gesellschaftlichen Gruppen zusammenarbeiten müssen, um unser Kooperationssystem zu reparieren und neu zu beleben – nicht zum kurzfristigen Nutzen, sondern um unsere nachhaltigen Risiken anzugehen.“ Es gebe aber auch eine gute Nachricht, so Brende. „Das Handlungsfenster ist noch offen, wenn auch nicht mehr lange.“

Tortin-Gletscher
Retten, was zu retten ist: Helfer rollen im Hochsommer schützende Planen auf dem Tortin-Gletscher in der Schweiz aus.
Foto: epa Keystone Olivier Maire/epa Keystone/dpa

„Um Klimakrise und Artensterben zu stoppen statt zu verschlimmern, müssen Unternehmen jetzt Verantwortung übernehmen und Nachhaltigkeitsziele stringent in ihr Kerngeschäft etablieren“, sagte der geschäftsführende Vorstand beim WWF Deutschland, Eberhard Brandes. Er forderte Siemens und Konzernchef Joe Kaeser auf, die Lieferung einer Zugsignalanlage für ein Kohlebergwerk in Australien doch noch abzusagen, wie es etwa die Klimaaktivisten von Fridays for Future verlangt hatten.

Rauchschwaden
Das von der NASA zur Verfügung gestellte Bild zeigt Rauchschwaden der Buschfeuer in New South Wales.
Foto: --/NASA/dpa

Erstmals in seiner Geschichte macht der Bericht, den das WEF zusammen mit der Versicherung Zurich und dem Risikoberater Marsh & McLennan erstellt, fünf Klimathemen als größte Risiken für die Erde aus. Auf dem ersten Rang stehen – wie schon in den Vorjahren – extreme Wetterereignisse wie Fluten und Stürme. Danach folgen: Scheitern des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel, Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche und Erdbeben, schwerwiegender Verlust an Biodiversität und Kollaps des Ökosystems sowie menschengemachte Umweltschäden und -katastrophen.

Eisbär
Das Polareis schmilzt, die Eisbären müssen bei der Nahrungssuche notgedrungen immer näher an menschliche Siedlungen heranrücken.
Foto: David Goldman/AP/dpa

Vor allem junge Leute sehen Klimafolgen demnach als größte Gefahren. Fast 90 Prozent der nach 1980 Geborenen befürchten, dass extreme Hitzewellen, Zerstörung von Ökosystemen sowie umweltbedingte Gesundheitsprobleme in diesem Jahr zunehmen werden.

Hungersnot in Kenia
Hungersnot in Kenia: Ein junges Kamel liegt tot im Sand. Es wurde kurz nach der Geburt getötet, weil das Muttertier wegen der anhaltenden Dürre zu schwach war, es zu ernähren.
Foto: DB Ulrike Kolterma – dpa

Menschen seien weltweit für den Verlust von 83 Prozent aller Säugetiere sowie der Hälfte der Pflanzen verantwortlich, heißt es in dem Bericht. Die sinkende Vielfalt beeinträchtige Gesundheit sowie Ernährung und habe nachhaltige Folgen für das Klima. „Biologisch vielfältige Ökosysteme binden große Mengen Kohlenstoff“, sagte Zurich-Risiko-Chef Peter Giger. Hinzu kämen wirtschaftliche Vorteile: Waren und Dienstleistungen aufgrund der Biodiversität würden auf 33 Billionen US-Dollar im Jahr geschätzt – das entspreche in etwa dem gemeinsamen Bruttoinlandsprodukt der USA und Chinas.

Flut in Tuvalu
Kinder spielen auf einem vom Meerwasser überflutetem Platz in Funafuti, der Hauptstadt des pazifischen Inselstaats Tuvalu.
Foto: Kyodo/epa/dpa/Archiv

Der Chef von Marsh & McLennan, John Drzik, sieht auch die Konzerne in der Pflicht. „Hochkarätige Ereignisse wie die Waldbrände in Australien und Kalifornien erhöhen den Druck auf Unternehmen, Maßnahmen gegen Klimarisiken zu ergreifen – in einer Zeit, in der sie auch größeren Cyber- und geopolitischen Herausforderungen gegenüberstehen“, sagte er der Mitteilung zufolge.

Deggendorf
Dächer ragen im Juni 2013 nahe Deggendorf (Bayern) nach einem Dammbruch aus dem Hochwasser der Donau.
Foto: Armin Weigel/dpa

Beim diesjährigen WEF-Treffen in Davos diskutieren etwa 3000 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unter dem Motto „Stakeholder für eine solidarische und nachhaltige Welt“ vom 21. bis 24. Januar über Lösungen für aktuelle Probleme. Erwartet werden unter anderem US-Präsident Donald Trump, Kanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der britische Thronfolger Prinz Charles.

Dürre in Indien
Land ohne Wasser: Dürre in Indien.
Foto: str/EPA – dpa

Weltrisikobericht