Archivierter Artikel vom 14.02.2020, 08:18 Uhr

Außenhandel dämpft Entwicklung

Deutsche Wirtschaft stagniert Ende 2019

Europas größter Volkswirtschaft geht Ende 2019 die Puste aus. Für den Start ins laufende Jahr ist das kein gutes Vorzeichen. Sorgen breitet zudem die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus.

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Containerverladung in Hamburg
Container verschiedener Reedereien werden im Hamburger Hafen umgeschlagen. Die deutsche Wirtschaft ist nach Einschätzung von Ökonomen auch zum Jahresende 2019 nicht in Schwung gekommen.
Foto: Axel Hei – dpa

Wiesbaden (dpa). Die deutsche Wirtschaft geht ohne nennenswerten Rückenwind ins laufende Jahr. Nachdem Europas größter Volkswirtschaft Ende 2019 die Puste ausgegangen ist, fehlt ein kräftiger Impuls für die nächsten Monate.

Das Bruttoinlandsprodukt stagnierte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Zeitraum Oktober bis Dezember 2019 gegenüber dem Vorquartal. Für Unsicherheit sorgt neben der US-Handelspolitik und den ungeklärten Folgen des Brexits auch die Ausbreitung des neuartige Coronavirus. Volkswirte rechnen mit einem mauen Jahresstart 2020.

Gebremst wurde die Konjunkturentwicklung nach Angaben der Wiesbadener Behörde vom Freitag vom Außenhandel. Deutschland führte in den letzten drei Monaten 2019 weniger Waren und Dienstleistungen aus als im dritten Quartal. Die privaten und die staatlichen Konsumausgaben verloren an Dynamik. Sie dürften dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge ihr Niveau aber in etwa gehalten haben: „Die privaten Konsumausgaben bleiben grundsätzlich eine verlässliche Stütze der Binnenkonjunktur.“ Der Boom der Bauinvestitionen setzte sich fort.

Europas einstige Konjunkturlokomotive zählte im vierten Quartal zu den Schlusslichtern im Euroraum. Schwächer entwickelten sich nach Daten des Statistikamtes Eurostat Frankreich (minus 0,1 Prozent), Italien (minus 0,3) und Finnland (minus 0,4). Insgesamt wuchs die Wirtschaftsleistung im gemeinsamen Währungsraum leicht um 0,1 Prozent zum Vorquartal.

Die deutsche Konjunktur war nach Jahren des Booms 2019 in eine Schwächephase geraten, bedingt auch durch internationale Handelskonflikte. Das bekam vor allem die exportorientierte deutsche Industrie zu spüren. Hinzu kam der Strukturwandel in der Autoindustrie. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wies auf den deutlichen Produktionsrückgang in der Metall- und Elektro-Industrie hin. „Durch schwache Dezemberwerte ist die Branche im vierten Quartal 2019 noch einmal tiefer in die Rezession gerutscht“, erklärte der Verband.

Die Kauflust der Verbraucher und der Bauboom verhinderten 2019 eine Vollbremsung der deutschen Wirtschaft. Der private Konsum steht für mehr als 52 Prozent der Wirtschaftsleistung. Im Gesamtjahr legte das Bruttoinlandsprodukt – wie schon vor einem Monat angenommen – um 0,6 Prozent zu. Das war deutlich weniger als jeweils in den beiden Vorjahren. Ähnlich schwach wie 2019 war das Wachstum zuletzt 2013.

Die deutsche Wirtschaft sieht in den Konjunkturdaten Ende 2019 eine „Warnung für das laufende Jahr“. Die Exportwirtschaft und damit viele Schlüsselbranchen der Industrie kämpften weiterhin mit den gravierenden Handelskonflikten und den noch ungeklärten Folgen des Brexits, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. „Hinzu kommt, dass die Auswirkungen des Coronavirus noch wenig absehbar sind, gleichwohl eine Verunsicherung bei den international agierenden deutschen Unternehmen bewirken.“

Die Chefvolkswirtin der Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib, rechnet frühestens im Frühjahr mit einer Konjunkturerholung. „Zumindest für das erste Quartal zeichnet sich infolge des Coronavirus eine spürbare Dämpfung der chinesischen und damit auch der globalen Konjunktur ab.“ Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist ein wichtiger Absatzmarkt für Waren „Made in Germany“. Zudem stellt China wichtige Produkte für die Weiterverarbeitung in anderen Ländern her.

Konjunkturexperte Nils Jannsen vom Kieler Institut für Weltwirtschaft erwartet keine „großen Sprünge“ im ersten Quartal 2020. Er schließt einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts nicht aus. Die Ausbreitung des Coronavirus drohe wirtschaftlich weitaus negativere Auswirkungen zu haben, als zunächst erwartet, argumentierte Jannsen. Auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hält ein Schrumpfen der deutsche Wirtschaft in den ersten drei Monaten für denkbar. Positive Impulse erwartet er vom Bau, weil der Winter bisher milde war.

Die Bundesregierung sah zuletzt dagegen einen „Silberstreif am Horizont“, wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) jüngst sagte. „Es geht in kleinen Schritten, es geht nicht rasend schnell, aber der Weg geht nach oben.“ Für das laufende Jahr rechnen die Bundesregierung und die EU-Kommission mit einem Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent in Deutschland. Sie sind damit zuversichtlicher als etwa der Industrieverband BDI, der ein Plus von 0,5 Prozent erwartet.