Archivierter Artikel vom 21.10.2018, 17:47 Uhr
Rheinland-Pfalz/Berlin

Zahl der Diagnosen steigt stark: Immer mehr junge Patienten leiden unter Depressionen

Immer mehr junge Erwachsene leiden unter Depressionen. Zwischen 2006 und 2016 stieg die Zahl der 18- bis 25-Jährigen mit der Diagnose Depression bundesweit um 76 Prozent auf 557.000 Patienten. Das geht aus dem Barmer Arztreport hervor. In Rheinland-Pfalz gab es demnach 2016 etwa 26.000 Betroffene – 56,8 Prozent mehr als 2006. Damit leiden in Rheinland-Pfalz 6,9 Prozent der 18- bis 25-Jährigen unter Depressionen, bundesweit sind es sogar 7,6 Prozent. Auch die Zahl der Betroffenen, bei denen Antidepressiva verordnet werden, hat deutlich zugenommen. Bundesweit werden etwa 241.000 der betroffenen jungen Erwachsenen medikamentös behandelt – 60 Prozent mehr als 2006. Unter jungen Rheinland-Pfälzern sind es rund 12.300 Betroffene, die Antidepressiva einnehmen – ein Plus von 56,8 Prozent.

Von Christian Kunst
Eine der größten Gefahren für Depressionen in jungen Jahren ist das Mobbing in sozialen Medien, das immer mehr um sich greift.
Eine der größten Gefahren für Depressionen in jungen Jahren ist das Mobbing in sozialen Medien, das immer mehr um sich greift.
Foto: Adobe Stock

„Diese Entwicklung ist dramatisch, denn junge Erwachsene mit Depressionen sind überdurchschnittlich oft von weiteren psychischen und körperlichen Erkrankungen betroffen“, sagt Dunja Kleis, rheinland-pfälzische Landeschefin der Barmer. So wurde bei jungen Depressiven 50-mal häufiger als bei ihren Altersgenossen die Diagnose „absichtliche Selbstbeschädigung“ gestellt, „was auf eine erhebliche Gefährdung von Personen mit Depressionen hinweist“, heißt es im Arztreport. Fünfmal häufiger leiden junge Depressive an Schlafstörungen sowie Stimmungsschwankungen, bei ihnen wurden offene Wunden am Unterarm diagnostiziert – auch dies ein Beleg für eine Selbstbeschädigung. Hinzu kommt eine Vielzahl körperlicher Beschwerden, die mit Depressionen einhergehen.

„Besonders oft von Depressionen betroffen sind junge Erwachsene, wenn bei ihnen oder ihren Eltern schon vorher andere psychische Erkrankungen bekannt waren“, erläutert Kleis. Junge Erwachsene in Studium und Beruf seien einem stetig steigenden Leistungs- und Zeitdruck ausgesetzt, der zunehmend zu psychischen Störungen führt.

Dr. Andrea Benecke, Vizechefin der rheinland-pfälzischen Psychotherapeutenkammer, führt dies auch auf die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen zurück: „Wir hören von den Studierenden und auch von den Professoren, dass der Druck deutlich gestiegen ist. Jedes Semester müssen alle Prüfungen pünktlich und ,sehr gut' bestanden werden, weil alles für die Endnote mitzählt. Denn nur mit einem guten Bachelorabschluss bekommt man auch einen Masterstudienplatz – ganz besonders, wenn man noch an eine bestimmte Universität möchte“, sagt sie im Interview mit unserer Zeitung. Doch auch jenseits der Unis ist der Druck auf die junge Generation laut Benecke erheblich gestiegen: „Jeder ist – auch wegen der sozialen Medien – deutlich öffentlicher geworden. Und die jüngere Generation stellt sich selbst viel mehr in die Öffentlichkeit. Sie wird aber auch in die Öffentlichkeit gestellt. Der Druck, zu genügen, einem bestimmten Ideal zu entsprechen, ist über die Jahre deutlich größer geworden.“

Benecke fordert, dass es an jeder Schule mindestens einen Psychologen oder Sozialarbeiter gibt, an Schulen in sozialen Brennpunkten sogar zwei, um „eine Anlaufstelle bei Schwierigkeiten zu schaffen“. Dass bei immer mehr jungen Menschen Depressionen diagnostiziert werden, hält sie auch für eine gute Nachricht: „Je früher Depressionen diagnostiziert werden und je früher eine Behandlung vor allem in Form einer Psychotherapie erfolgt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung nicht chronifiziert auftritt.“

Von unserem Redakteur Christian Kunst