Archivierter Artikel vom 03.11.2010, 17:09 Uhr
Rheinland-Pfalz

Wulff rührt die Trommel für die Integration

Die ersten 100 Tage im Amt hat Christian Wulff zwar längst überschritten, aber so ganz gewöhnt hat er sich an die Würde seines neuen Amtes offenbar noch nicht. Beim äußerst freundlichen Empfang in der Mainzer Staatskanzlei brachte der Niedersachse die versammelte Belegschaft zum Schmunzeln. „Ich möchte auch ihr Minister… ähm Bundespräsident sein“, erklärte er lächelnd. Den kleinen Fauxpas nahm ihm niemand übel.

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Da ist er: Bundespräsident Christian Wulff, umrahmt von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) und Innenminister Karl Peter Bruch.

Julia Rau

dpa

Im Landtagshof: Bildungsministerin Doris Ahnen, Beck, Wulff und Bruch gehen voraus.

Julia Rau

Das Presseaufgebot ist enorm, Mainzer Bürger hatten sich in dem eigens eingerichteten Besucherkorridor jedoch nicht eingefunden.

Julia Rau

Der rote Teppich für den hohen Gast ist ausgelegt.

Julia Rau

Im Stresemann-Saal in der Staatskanzlei: Wulff und Beck begrüßen den Ministerrat.

Julia Rau

Beim Überreichen einer Faksimile-Seite der Gutenberg-Bibel: Beck, Wulff, Bruch sowie Wirtschaftsminister Hendrik Hering und Umweltministerin Margit Conrad.

Julia Rau

Wulff trägt sich ins Goldene Buch der Landesregierung ein.

Julia Rau

Jetzt noch einen Schluck vom guten landestypischen Wein – dafür muss ja auch mal Zeit sein! – dann geht es weiter in Richtung der Domstädte Worms und Speyer.

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Der Bundespräsdident wird vom Ministerpräsidenten auf der Tour durchs Land begleitet, die ausdrücklich unter das Thema Integration gestellt war.

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Großer Bahnhof: Mit Polizeigeleit wird der Präsident vom Flughafen Erbenheim nach Mainz und später nach Worms und Speyer geführt.

Julia Rau

Empfang in Worms: Wulff und Beck werden vom Bürgermeister Michael Kissel (SPD, r) begrüßt.

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Intergrationsthema mit uralten Wurzeln: Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Worms und Mainz, Stella Schindler- Siegreich (r), steht mit dem Bundespräsidenten und dem Ministerpräsidenten am Grab eines jüdischen Rabbis auf einem Jüdischen Friedhof in Worms.

dpa

Spielerisch: Wulff bei einem Besuch in Worms bei Kindern der Anwohnerinitative „Wormser Süden“

dpa

Machen Rabatz für die Integration: Bundespräsidenten Wulff , der Bürgermeister von Worms, Kissel, und Ministerpräsidenten Beck trommeln mit den Kindern der Anwohnerinitative „Wormser Süden“.

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Rheinland-Pfalz. Die ersten 100 Tage im Amt hat Christian Wulff zwar längst überschritten, aber so ganz gewöhnt hat er sich an die Würde seines neuen Amtes offenbar noch nicht.

Intergrationsthema mit uralten Wurzeln: Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Worms und Mainz, Stella Schindler- Siegreich (r), steht mit dem Bundespräsidenten und dem Ministerpräsidenten am Grab eines jüdischen Rabbis auf einem Jüdischen Friedhof in Worms.
Intergrationsthema mit uralten Wurzeln: Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Worms und Mainz, Stella Schindler- Siegreich (r), steht mit dem Bundespräsidenten und dem Ministerpräsidenten am Grab eines jüdischen Rabbis auf einem Jüdischen Friedhof in Worms.
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Von unserem Redakteur Dietmar Brück

Spielerisch: Wulff bei einem Besuch in Worms bei Kindern der Anwohnerinitative "Wormser Süden"
Spielerisch: Wulff bei einem Besuch in Worms bei Kindern der Anwohnerinitative „Wormser Süden“
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Beim äußerst freundlichen Empfang in der Mainzer Staatskanzlei brachte der Niedersachse die versammelte Belegschaft zum Schmunzeln. „Ich möchte auch ihr Minister… ähm Bundespräsident sein“, erklärte er lächelnd. Den kleinen Fauxpas nahm ihm niemand übel.

Kleine menschliche Momente gaben Wulffs Besuch die besondere Note

Es waren ohnehin die kleinen menschlichen Momente abseits des Protokolls, die den Antrittsbesuch des Staatsoberhauptes in Rheinland-Pfalz besonders machten. Wulff erzählte in Mainz, wie er als 17-Jähriger in Osnabrück half, eine Demonstration zu organisieren. Die örtliche Synagoge war mit einem Hakenkreuz geschändet worden. Engagierte Bürger gingen anschließend auf die Straße, um zu zeigen, dass das ideologische Gift des Rassismus und Antisemitismus in ihrer Mitte keine Früchte trägt.

Dieses Ereignis hat sich tief in das Gedächtnis des heutigen Präsidenten eingegraben. Der versuchte Brandanschlag auf die Mainzer Synagoge vor wenigen Tagen zählte daher auch zu den ersten Themen, zu denen Wulff Stellung bezog, nachdem er dem schwarzen Audi mit dem Kennzeichen 01 entstiegen war.

„Ich hoffe auf ein großes Signal der Zivilcourage durch die Bürger“

Wulff selbst war zur feierlichen Einweihung Anfang September in die Mainzer Neustadt gekommen. „Das ist ein unerträglicher Vorgang, der ein ganz schlechtes Licht auf unser Land wirft“, empörte er sich angesichts der Attacke auf das Gotteshaus. Für einen Augenblick löste sich das Bild des jovialen, smarten Wulff auf und gab den Blick auf einen härteren, entschlosseneren Charakterzug frei. „Ich hoffe auf ein großes Signal der Zivilcourage durch die Bürger.“

Die vielleicht bewegendste Station dieser eng getakteten Reise zu den drei früheren Zentren des europäischen Judentums – eben Mainz, Worms und Speyer – umgibt eine besondere Geschichte. Christian Wulff legte Wert darauf, den jüdischen Friedhof in Worms zu besuchen, den ältesten in Europa. Ein nahezu magischer Ort, besonders im Herbst, wenn die windschiefen Grabsteine mit Laub bedeckt sind und sich die Sonne durch den dunstigen Himmel kämpft. Der Bundespräsident nahm sich viel Zeit, um sich die jüdischen Traditionen erklären zu lassen, die fast 1000 Jahre lang diesen spirituellen Platz im Zentrum der Nibelungen- und Lutherstadt prägten. Auf den Grabsteinen liegen kleine verwitterte und verwaschene Zettel, auf denen jüdische Besucher aus der ganzen Welt ihre tiefsten Wünsche notiert haben. Der Bundespräsident hielt bewegt ein paar Sekunden inne.

Im Bundespräsidialamt genießt Thema Integration Priorität

In der Natur der präsidialen Länderreisen liegt es, dass sie ausgesprochen kontrastreich sind. So wurde Wulff im Wormser Süden von einer fröhlichen Trommelgruppe empfangen. Der lautstarke Willkommensgruß passte zu der Eindringlichkeit, mit der der Bundespräsident sich dem zweiten großen Schwerpunkt seiner Rheinland-Pfalz-Reise widmete: dem Thema Integration. Im Bundespräsidialamt genießt es Priorität. Wulffs so berühmter wie umstrittener Satz „auch der Islam gehört inzwischen zu Deutschland“ hat seiner Präsidentschaft einen ersten gewichtigen Stempel aufgedrückt. In Rheinland-Pfalz nun wollte das Staatsoberhaupt zwei konkrete Projekte erleben und dort mit Mitarbeitern sprechen: bei einer Anwohnerinitiative im Wormser Süden und bei Vorführungen des Judovereins Speyer, in dem durch nachhaltige Förderung Spitzenleistungen erzielt werden – unter anderem von Migranten. Dass Wulff diese Initiativen ausgerechnet am Tag des vierten Integrationsgipfels in Berlin besuchte, verlieh der Reise eine zusätzliche Symbolik.

Unterwegs mit Stofftier

Und wieder waren es die kleinen Gesten, die mehr sagten als große Worte. Nach einem Gespräch mit den Betreuern der Spiel- und Lernstube in Worms, die in einem sozial benachteiligten Viertel mit hohem Migrationsanteil liegt, schenkten Kinder dem Bundespräsidenten ein grünes Stoffkrokodil. Mehrere Minuten lief das Staatsoberhaupt mit dem flauschigen Tierchen in den Händen herum. „Es erinnert ihn daran, dass er unser Anliegen nicht vergisst“, meinte Julia Schneider (19), die ein freiwilliges soziales Jahr in der staatlich geförderten Einrichtung ableistet. Im Wormser Süden werden Räume geschaffen, in denen sozial Benachteiligte das Gefühl bekommen, von der Gesellschaft gewollt und gefördert zu werden.

Wulff war sich in Worms nicht zu schade, gemeinsam mit Ministerpräsident Kurt Beck und einer Horde von Kindern seine Trommelkünste zu demonstrieren. Wenn auch der Christ- und der Sozialdemokrat nicht recht im Takt harmonierten, das gemeinsame Anliegen verband sie. Die Kinder verabschiedeten das Staatsoberhaupt schließlich in sechs Sprachen: in Pakistanisch, in Deutsch, in Arabisch, in Türkisch, in Russisch und in Polnisch. „Das ist ein gelungenes Integrationsprojekt“, meinte Wulff zum Abschluss. Kurz vorher hatte er das grüne Krokodil endlich einem Mitarbeiter überreicht.

Nach Rheinland-Pfalz will Wulff übrigens bald wieder kommen – und dann mit seiner Frau Bettina. Am 16. April 2011 steigt ein Benefiz-Konzert in der Mainzer Rheingoldhalle. Der Bundespräsident freut sich schon jetzt darauf.