Archivierter Artikel vom 12.12.2019, 07:44 Uhr

Anleihekäufe und Zinspolitik

Wohin steuert Lagarde die Geldpolitik der EZB?

Das viele billige Geld der Europäischen Zentralbank hat nicht nur positive Wirkung. Diese Erkenntnis setzt sich zunehmend auch in der Notenbank durch. Wird EZB-Präsidentin Christine Lagarde den Kurs ihres Vorgängers Mario Draghi ändern?

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Lagarde
Christine Lagarde ist neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).
Foto: Zhang Cheng/XinHua/dpa

Frankfurt/Main (dpa) – Sind niedrige Zinsen auf Dauer gesund? Oder überwiegen am Ende die negativen Folgen? Auch Europas Währungshüter treiben diese Fragen zunehmend um. Was kann die seit Anfang November amtierende Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, bewegen?

Heute wird die Französin erstmals die Entscheidungen der Notenbank in Frankfurt erklären.

Welches Erbe hat Lagarde angetreten?

Lagardes Vorgänger Mario Draghi hat in acht Jahren einen beispiellos expansiven Kurs gefahren. Der Leitzins im Euroraum liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von null Prozent. Parken Banken Geld bei der EZB, müssen sie dafür inzwischen 0,5 Prozent Minuszinsen zahlen. Kurz vor Draghis Abtritt beschloss der EZB-Rat dann auch noch, die umstrittenen Anleihenkäufe wieder aufzunehmen. Womöglich das Entscheidende: Das Führungsgremium der EZB hat den ultralockeren geldpolitischen Kurs auf unbestimmte Zeit zementiert, mit höheren Zinsen rechnet absehbar kein Experte.

Wer profitiert von der Geldpolitik der EZB?

Das viele billige Geld ist Schmierstoff für die Börsen, die Suche nach lohnenden Anlagen im Zinstief treibt die Preise zum Beispiel für Immobilien nach oben. Auch Staaten profitieren, denn sie kommen günstiger an frisches Geld. Weil die Notenbank große Bestände ihrer Anleihen aufkauft, müssen sie für ihre Wertpapiere nicht so hohe Zinsen bieten. Das kommt auch starken Volkswirtschaften wie Deutschland zugute. Kritiker meinen allerdings, die Anleihenkäufe der EZB animierten Regierungen zum Schuldenmachen und bremsten Reformen.

Was bedeutet der EZB-Kurs für Anleger?

Die Zinsen für Sparbuch und Tagesgeld sind quasi abgeschafft. Für viele Deutsche ist das ein Problem, denn sie scheuen sich vor als riskanter geltenden Anlagen wie Aktien. Und wer als Alternative über eine Investition in „Betongold“ nachdenkt, kann sich das wegen teils drastisch gestiegener Preise für Häuser und Wohnungen vielerorts kaum noch leisten. Manchen Bankkunden trifft es noch härter: Immer mehr Institute kassieren von ihren Kunden Negativzinsen – zum Teil schon vom ersten Euro an.

Kann die Politik Kleinsparer vor Negativzinsen schützen?

CSU-Chef Markus Söder fordert, der Staat solle Sparern gezahlte Negativzinsen zurückgeben, indem diese steuerlich geltend gemacht werden können. Im August hatte sich der CSU-Chef noch für ein gesetzliches Verbot eingesetzt, um Beträge bis 100.000 Euro ganz von Strafzinsen auszunehmen. Das Bundesfinanzministerium hatte darauf hingewiesen, es sehe auch ohne Verbot ausreichend Möglichkeiten zur Vermeidung von Strafzinsen für Kleinsparer – unter anderem, weil es schwer ist, diese in bestehenden Verträgen einseitig einzuführen.

Welche Folgen hat die EZB-Politik für die private Altersvorsorge?

Die Verzinsung von Lebens- und Rentenversicherungen sinkt seit geraumer Zeit. Den Assekuranzen fällt es wegen der Zinsflaute immer schwerer, die hohen Versprechen von einst an den Kapitalmärkten zu erwirtschaften. Die Folge: Die Überschussbeteiligung, über deren Höhe die Versicherer jedes Jahr je nach Wirtschaftslage und Erfolg der Anlagestrategie neu entscheiden, sinkt im Schnitt.

Haben Verbraucher auch irgendetwas von den niedrigen Zinsen?

Wer sich verschuldet, profitiert. Immobilienfinanzierungen etwa sind seit geraumer Zeit relativ günstig. Viele Kreditnehmer nutzen das und sichern sich niedrige Hypothekenzinsen für Laufzeiten von 15 oder 20 Jahren. Nach jüngsten Bundesbank-Zahlen hat mittlerweile jeder zweite neue Wohnungsbaukredit in Deutschland mehr als zehn Jahre Laufzeit.

Gibt es bald Immobilienkredite mit negativer Verzinsung?

Das ist nicht ausgeschlossen. Die staatliche Förderbank KfW etwa ist gewillt, den Vorteil, denn sie derzeit bei der Aufnahme frischer Gelder hat, unter anderem an Bauherren weiterzureichen. Zunächst jedoch müssen die IT-Systeme der Geschäftsbanken fit gemacht werden, um Minuszeichen bei Darlehensverträgen lesen zu können. Wann die Negativzinsen bei den Darlehensnehmern ankommen, sei derzeit nicht absehbar, sagte KfW-Chef Günther Bräunig jüngst. 1:1 werden die Institute die günstigeren Konditionen für KfW-Förderkredite ohnehin nicht weiterreichen. Denn sie wollen an den Verträgen mitverdienen.

Wie bewertet die EZB selbst ihre Geldpolitik?

Die Währungshüter zeigen sich zunehmend sensibilisiert für mögliche negative Folgen ihres ultralockeren Kurses. „Die Nebenwirkungen der Geldpolitik werden immer offensichtlicher, das müssen wir berücksichtigen“, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos jüngst. Das Niedrigzinsumfeld stütze zwar die Gesamtwirtschaft, fördere aber zugleich die Risikobereitschaft, stellt die EZB in ihrem jüngsten Bericht zur Finanzstabilität im Euroraum fest. Vor allem Investmentfonds und Versicherer könnte das Umfeld nach Einschätzung der EZB-Experten dazu verleiten, übermäßige Risiken einzugehen.

Wie schnell wird Lagarde umsteuern?

Ein grundlegender Kurswechsel ist zunächst nicht zu erwarten. Bereits vor ihrem Amtsantritt bei der EZB machte die bisherige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) deutlich, dass sie eine sehr lockere Geldpolitik auf absehbare Zeit für nötig hält. Die Französin sagte nach ihrer Nominierung für den Spitzenposten aber auch: „Wir müssen die negativen Folgen und Nebeneffekte im Blick behalten.“ Bei ihrer ersten programmatischen Rede im neuen Amt am 22. November bekräftigte Lagarde diese Position, sicherte aber zugleich zu, dass die Geldpolitik der EZB einer „strategischen Überprüfung“ unterzogen werden soll, die in naher Zukunft beginnen werde.