Archivierter Artikel vom 04.05.2012, 10:48 Uhr
Berlin

Wird in Deutschland zu viel operiert?

Die OP-Kosten in Deutschland schießen durch die Decke. Angesichts dieser Entwicklung will die Koalition die immer häufigeren Operationen unter anderem an Hüfte und Knie eindämmen. Umgehend erhob sich allerdings eine Welle des Protestes gegen die Pläne.

Probleme mit dem Knie? Immer mehr Menschen in Deutschland erhoffen sich vom Einsatz eines künstlichen Kniegelenks eine Befreiung von ihren Schmerzen. Die OP-Zahlen stiegen von 2003 bis 2010 um 52 Prozent. Doch der Erfolg des Eingriffs ist nicht garantiert.
Probleme mit dem Knie? Immer mehr Menschen in Deutschland erhoffen sich vom Einsatz eines künstlichen Kniegelenks eine Befreiung von ihren Schmerzen. Die OP-Zahlen stiegen von 2003 bis 2010 um 52 Prozent. Doch der Erfolg des Eingriffs ist nicht garantiert.
Foto: dpa

Senioren – so die Sorge etwa der SPD – bekämen künftig seltener künstliche Hüft- und Kniegelenke auf Kassenkosten. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) wies diese Vorwürfe aber vehement zurück.

Die Fraktionen von Union und FDP hatten sich mit Bahr am Mittwoch auf eine Verschärfung bei den Abschlägen für Mehrleistungen in den Kliniken geeinigt. Bisher bekommen die Krankenhäuser für zusätzliche Leistungen weniger Geld – im vergangenen Jahr sparten die Krankenkassen durch diese Abschläge rund 350 Millionen Euro ein.

Künftig sollen solche Abschläge verlängert werden und zwei Jahre lang gelten, wie es in neuen „Eckpunkten zur Krankenhausfinanzierung“ heißt. Details sind noch offen. Die Höhe der Abschläge soll gesetzlich fixiert werden. Wann die neue Regel greift, ist in der Koalition noch strittig.

Zahlen explodieren

Bahr hatte betont, dass Experten an der Notwendigkeit vieler Knie- und Hüftprothesen zweifeln. Fast 400 000 neue Hüft- und Kniegelenke setzen Deutschlands Ärzte laut Krankenhaus-Report 2010 der Barmer GEK im Jahr ihren Patienten ein. Seit 2003 gab es 18 Prozent mehr Hüft-OPs, und die Zahl der Knieoperationen explodierte gar um 52 Prozent.

Trotz aller Kostendämpfungen steigen die Kassenausgaben für Klinikbehandlungen ständig – um rund 2 auf 61 Milliarden Euro im Jahr 2011. Die Hälfte des Zuwachses geht laut Kassen-Spitzenverband auf wenige Operationen wie das Einsetzen künstlicher Knie- oder Hüftgelenke, Wirbelsäulen- und Herzeingriffe zurück. Mehr als 80 Prozent der Patienten von Knie- und Hüftprothesen sind laut „Bild“- Zeitung über 60 Jahre alt.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte dennoch vor dem Sparen aus Prinzip: „Es darf nicht dazu führen, dass Prothesen für Alte rationiert werden.“ Der Vizechef der CDU-Sozialausschüsse, Christian Bäumler, nannte Rationalisierungen von Hüft- und Knie-OPs menschenunwürdig. „Das ist ethisch nicht vertretbar“, kritisierte der Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands, Josef Düllings. „Ich halte es eines wirtschaftlich starken Landes für unwürdig, darüber zu diskutieren.“ Der Verband vertritt mit rund 2600 Mitgliedern fast alle deutschen Krankenhäuser. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) wies derweil zurück, dass es unnötige Operationen gibt. „Wer so über nackte Zahlen spricht, der weiß gar nicht, ob viele Menschen jetzt nicht immobil wären, wenn sie nicht operiert worden wären“, kritisierte DKG-Geschäftsführer Georg Baum.

Bahr versicherte: „In Deutschland kann sich jeder darauf verlassen, die notwendige Behandlung und Operation zu erhalten, und dafür werden wir weiter sorgen.“ Zweifel daran, dass Senioren bald nicht mehr jede OP bezahlt wird, seien vollkommener Unsinn. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn nannte die Debatte über Einschnitte zulasten von Senioren abstrusen Wahlkampf-Quatsch. „Allerdings wollen wir die Menschen auch vor solchen unnötigen OPs schützen, die nur gemacht werden, damit das Krankenhaus oder der Arzt Kasse machen kann.“

Der Verband der Krankenkassen dagegen lobte Minister Bahr: „Es ist gut, dass der Bundesgesundheitsminister das Problem der medizinisch unnötigen Mengenausweitung in den Krankenhäusern angehen will.“ KKH-Allianz-Chef Ingo Kailuweit sagte: „Angesichts wirtschaftlich schwieriger Zeiten in manchem Krankenhaus ist nicht garantiert, dass immer ausschließlich zum Wohle des Patienten entschieden wird.“

Geldspritze für Kliniken

Als zentrales Argument gegen Sorgen vor Rationalisierungen bei Operationen führten Bahr und Spahn ins Feld, dass die rund 2000 Kliniken eine Finanzspritze von rund 300 Millionen Euro bekommen sollen. Damit sollen die jüngsten 3-prozentigen Tarifsteigerungen teils ausgeglichen werden.