Archivierter Artikel vom 10.07.2012, 08:45 Uhr
Rheinland-Pfalz

Wir arbeiten bis zum Umfallen

Wer selbst im Urlaub nicht mehr abschalten kann, hat die Schwelle zur Krankheit womöglich schon überschritten: Burn-out-Syndrom lautet die Diagnose, die durch unsere Zeit geistert wie ein Schreckgespenst.

Denn mit den steigenden Anforderungen in unserem Alltag und Arbeitsleben nimmt auch die Zahl jener Menschen zu, die sich davon überfordert fühlen. Wer an der chronischen Stresserkrankung leidet, kommt nicht mehr zur Ruhe, macht sich andauernd übertriebene Sorgen – und hält diesen Zustand irgendwann nicht mehr aus.

Die Zahl der Ausfälle am Arbeitsplatz, die auf das Burn-out-Syndrom zurückzuführen sind, ist in den vergangenen Jahren rapide gestiegen. Krankenkassen schlagen deshalb Alarm, bemühen sich bei ihren Versicherten um Aufklärung und Prävention und versuchen, verstärkt Firmen als Partner für ein Gesundheitsmanagement innerhalb der Betriebe zu gewinnen. Seminare, wie sie die in Andernach ansässige Unfallkasse Rheinland-Pfalz anbietet, werden regelmäßig überrannt. „Das Thema gewinnt an Relevanz“, bestätigt dort die Arbeitspsychologin Sonja Wittmann. „Wir können die Nachfrage mit unseren Beratungsangeboten kaum noch stillen.“ Im vergangenen Monat hatte der Versicherer von Lehrern, Polizisten, Klinikpersonal oder auch Verwaltungsangestellten daher Personalräte und Führungskräfte zu einer Fachtagung eingeladen. Gemeinsam wollte man ausloten, wie sich unsere Arbeitswelt, die offenbar zunehmend krank macht, verbessern lässt.

„Wir arbeiten bis zum Umfallen. Wer aus den Latschen kippt, bleibt auf der Strecke – der Nächste steht schon bereit, um ihn zu ersetzen“, beschreibt ein Teilnehmer, was Arbeitnehmer regelmäßig zur Selbstüberforderung treibt. Jörg Dobisch, Personalleiter an der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach, in der auch das Burn-out-Syndrom behandelt wird, berichtet, dass chronische Erschöpfung nicht nur Patienten trifft: „Das Thema spielt auch bei Mitarbeitern eine große Rolle – ich bin hier, weil ich nach Faktoren suche, die der Arbeitgeber positiv beeinflussen kann“, erklärt er. Ein innerbetriebliches Gesundheitsmanagement ist in der psychiatrischen Fachklinik schon etabliert. Darüber hinaus wird ein Mitarbeiter, der länger als 42 Tage erkrankt ist, im Rahmen des betrieblichen Eingliederungsmanagements zu einem Integrationsgespräch eingeladen. Damit ein vertraulicher Dialog überhaupt zustande kommen kann, darf er seinen Ansprechpartner auf Arbeitgeberseite frei wählen.

Rund um die Uhr verfügbar sein: Dem Zustand, der in der Berufswelt wie eine neuzeitliche Pest grassiert und scharenweise Arbeitskräfte dahinrafft, beginnen erste Unternehmen, zaghaft einen Riegel vorzuschieben. So haben die Diensthandys von Volkswagen-Mitarbeitern seit einigen Monaten nach Feierabend Sendepause: Um Burn-out vorzubeugen, hatte der VW-Betriebsrat der dauernden Verfügbarkeit der Angestellten den Kampf angesagt. 30 Minuten nach Ende der Gleitzeit schaltet der Wolfsburger Autobauer seine Server ab – und schaffte es mit dieser fürsorglichen Maßnahme zugunsten seiner Mitarbeiter bundesweit in die Schlagzeilen.

Schon aus rein wirtschaftlichem Interesse könnten solche Beispiele Schule machen. Denn Arbeitsausfälle durch psychische Erkrankungen sind ein steigender Kostenfaktor für Unternehmen. Auch deshalb geht die Unfallkasse selbst mit gutem Beispiel voran: Gemäß einer neuen Dienstzeitenregelung werden Mitarbeiter, wenn es sein muss, nun auch mal vom Chef persönlich nach Hause geschickt.

Von unserer Redakteurin Nicole Mieding

Mehr zu Therapie und Prävention sowie Schnelltests unter www.burnoutzentrum.com oder www.hilfe-bei-burnout.de