Archivierter Artikel vom 02.10.2010, 00:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Wie wächst denn zusammen, was zusammen gehört?

20 Jahre Deutsche Einheit werden morgen gefeiert. Doch wie weit sind Ost und West in dieser Zeit zusammengewachsen? Rheinland-pfälzische Promis verraten ihre ganz persönliche Sicht der Dinge im geeinten Deutschland. Die zwei Teile seien schon ganz gut zusammengewachsen, heißt es allenthalben. Und doch hört man bei einer Umfrage im Land auch skeptische Stimmen.

Wieder vereint.
Wieder vereint.

Rheinland-Pfalz – 20 Jahre Deutsche Einheit werden morgen gefeiert. Doch wie weit sind Ost und West in dieser Zeit zusammengewachsen? Rheinland-pfälzische Promis verraten ihre ganz persönliche Sicht der Dinge im geeinten Deutschland. Die zwei Teile seien schon ganz gut zusammengewachsen, heißt es allenthalben. Und doch hört man bei einer Umfrage im Land auch skeptische Stimmen.

Diese Silbergedenkmünze mit der Aufschrift "Wir sind ein Volk" wurde dieser Tage in Dresden vorgestellt. Wie sehr wir wirklich ein Volk geworden sind, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.M Foto: dpa
Diese Silbergedenkmünze mit der Aufschrift „Wir sind ein Volk“ wurde dieser Tage in Dresden vorgestellt. Wie sehr wir wirklich ein Volk geworden sind, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.M
Foto: dpa

Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) glaubt, „dass wir an der Schwelle sind, die Fremdheiten zwischen Ost und West zu überwinden“. Dazu gehöre aber auch, sich weiterhin zum Solidarpakt II zu bekennen. Diese finanzielle Förderung für Ostdeutschland – der sogenannte „Soli“ – soll noch rund zehn Jahre lang fließen.

Für Umweltministerin Margit Conrad (SPD) ist das vereinigte Deutschland wirtschaftlich und politisch stärker zusammengewachsen als sie es vor 20 Jahren vermutet hat. „Aber es bedarf noch einer oder zwei Generationen, bis diese 40 Jahre der Trennung mit all ihren sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Sozialisationen soziokulturell überwunden sind – eine reizvolle Aufgabe für die nächste Phase des Zusammenwachsens.“ Sie fordert allerdings, dass aus dem „Aufbau Ost“ ein „Solidarpakt Deutschland“ werden muss, also unabhängig von Ost und West.

Besonders kritisch äußerte sich Finanzminister Carsten Kühl (SPD). Aus seiner Sicht ist die Einheit in den Köpfen noch nicht ganz vollzogen. „Wir, Ossis und Wessis, haben viel erreicht und könnten stolz darauf sein. Stattdessen wird immer noch eine kleingeistige Debatte betrieben, wer wann wie oft und wie viel was geleistet hat.“

Auch der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann empfindet das Zusammenwachsen als äußerst mühsam. „Dafür sehe ich zwei Gründe: Die tiefen Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West waren größer als gedacht. Aber auch im Westen fand inzwischen eine sehr tiefreichende Pluralisierung der Lebensstile und Lebensformen statt, so dass jedes Zusammenwachsen schwierig ist.“ Andere Prominente betonen dagegen, dass die Einheit besser sei als ihr Ruf. So meint FDP-Fraktionschef Herbert Mertin: „Deutschland ist viel stärker “zusammengewachsen„ als im politischen Raum oftmals dargestellt. Das Miteinander zwischen den Menschen in Deutschland ist auch viel unkomplizierter als es so mancher Bericht in den Medien nahelegt.“

Ähnlich formuliert es Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD): „Ich glaube wir haben bereits mehr Einheit erreicht als in manchen Diskussionen zum Ausdruck gebracht wird.“ Ahnen rechnet aber damit, dass es eine Daueraufgabe für die Politik sein wird, dass dies auch immer wieder von den Menschen so erlebt werden kann.

Sozialministerin Malu Dreyer (SPD) sagt: „Ich erlebe, dass die Einheit besser ist als ihr Ruf. Wir vergessen oft, dass sie eine historische Errungenschaft ist, für die vor allem die Menschen in der ehemaligen DDR lange gekämpft haben.“

Justizminister Heinz Georg Bamberger (SPD) sieht derweil eine wirkliche Einheit auf einem guten Weg: „Es gibt immer noch Unterschiede, aber es ist doch in einem großen Umfang zusammengewachsen.“ Er bezweifelt, dass heute die Unterschiede zwischen einem Bayern und einem Hamburger kleiner sind als die zwischen Nordrhein-Westfalen und Sachsen.

Auch aus Sicht von Landtagspräsident Joachim Mertes (SPD) sind Ost und West „ein großes Stück zusammengewachsen, auch wenn es noch Ressentiments gibt“. So gebe es unter älteren Menschen im Westen noch die Ansicht, dass der Westen dem Osten in allem überlegen sei – mit Ausnahme des Sports. Durchaus gebe es noch unterschiedliche Mentalitäten, aber: „Insgesamt ist uns das mit dem Zusammenwachsen gut gelungen – man muss ja auch die Ausgangslage sehen“. Fazit: „Im Kern ist ein intaktes Deutschland entstanden.“

Auch nach Überzeugung von CDU-Fraktionschef Christian Baldauf wächst das deutsche Volk immer mehr zusammen. Besonders positiv äußerte sich Fernsehkoch Johann Lafer: „Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich glaube dass Deutschland heute eine vereinte Nation mit regionalen Unterschieden ist, die es aber im Nord-Süd-Gefälle ebenso gibt wie im Ost-West.“

Und Schlagersänger Guildo Horn, gebürtiger Trierer, meint: „Wir können schon froh sein, dass wir uns gegenseitig haben.“ Dass die „meisten Wessis“ immer noch sagten: „Wir fahren in den Osten“ und umgekehrt, dass findet er auch nicht schlimm. „Das wird wohl noch einige Jahrzehnte dauern“.

Egal ob Ost und West aus Sicht der Befragten wirklich zusammengewachsen sind oder ob noch Probleme gesehen werden – bei allen Befragten herrscht bis heute die Freude vor, dass es zur Einheit kam. So meint Innenminister Karl Peter Bruch (SPD): „Die Einheit Deutschlands habe ich als tiefgreifendes, einschneidendes und freudiges Ereignis empfunden“.

Wie andere auch betonte Fernsehkoch Johann Lafer, ohne die Einheit „wäre ich um viele wunderbare Erfahrungen ärmer, die ich in Deutschlands Osten gemacht habe“. Und die CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2011, Julia Klöckner, betont, wäre es nie zur deutschen Wiedervereinigung gekommen, „hätte ich viele Freundschaften und auch viele Kollegen nicht, die ich sehr schätze“.