Archivierter Artikel vom 13.10.2010, 07:31 Uhr
Rheinland-Pfalz

Wie man Organspender übers Herz erreicht

Jedes Jahr sterben in Deutschland drei Menschen, weil Spenderorgane für sie fehlen. In Spanien passiert dies schon seit Jahren nicht mehr. Denn nicht nur beim Fußball sind die Spanier Weltmeister – auch beim Organspenden. In Rheinland-Pfalz hat man aus den Erfahrungen der Südeuropäer gelernt – mit ersten Erfolgen.

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Wie man Organspender übers Herz erreicht
Der Moment, auf den jährlich 12 000 Menschen bundesweit und 570 Rheinland-Pfälzer warten, viele vergeblich: Transplantationsmediziner bringen das rettende Organ eines Spenders.
Foto: dpa
Estéban ist tot, aber sein Herz lebt noch. Die Mutter des 17-Jährigen, die 34-jährige Manuela, steht vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens: Soll die Krankenschwester in der Transplantationsabteilung eines Madrider Krankenhauses das Herz ihres Sohnes einem anderen Menschen schenken? Sie sagt Ja. Wenig später reist die Hauptdarstellerin in dem Film „Alles über meine Mutter“ des spanischen Kultregisseurs Pedro Almodóvar nach La Coruña. Dort schlägt das Herz ihres Sohnes im Körper eines anderen Mannes. Sie ist traurig, ergriffen. Doch dann sagt sie sich: Es war richtig so.

Das tun seit Jahren Tausende Menschen auf der iberischen Halbinsel. Spanien ist Weltmeister – im Organspenden. 34 Spanier pro eine Million Einwohner haben 2009 Herz, Niere oder Leber einem anderen Menschen auf dieser Welt gespendet. In Deutschland waren es gerade mal 15. Ähnlich sah es damals auch in Rheinland-Pfalz aus. In diesem Jahr deutet sich eine klare Trendwende an.

Quote steigt um 70 Prozent

Laut Dr. Thomas Breidenbach, geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und zuständig für die Region Mitte (Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland), steigt die Quote im Land in diesem Jahr voraussichtlich um mehr als 50 Prozent auf über 20 Spender. Das ist Platz Nummer zwei in Deutschland – direkt hinter der Region Nordost (Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern).

Nicht Gesetzesänderungen oder ein größerer Druck auf Krankenhäuser sind laut Breidenbach Ursache für diese Trendwende, sondern etwas viel Schwierigeres: „Wir versuchen, mit den Kliniken zu kooperieren.“ Zwar haben die Krankenhäuser seit 2006 die Pflicht, Transplantationsbeauftragte zu benennen und potenzielle Organspender zu melden. Doch deutschlandweit kommen dieser Meldepflicht 30 bis 50 Prozent der Kliniken nicht nach. Breidenbach und sein Team gehen einen anderen Weg: Sie versuchen, die Klinikärzte dafür zu sensibilisieren, wie wichtig Organspenden sind. Die „emotionale Schiene“, wie er die Strategie nennt, besteht aus einer intensiven Aufklärungskampagne, wie sie auch Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) gestartet hat. Breidenbach und Co. besuchen Kliniken und zeigen Ärzten Bilder von Patienten, die gestorben sind, weil es für sie keine Organe gab. Bis zu drei Menschen sind dies jeden Tag.

Mit von der Partie bei den Klinikbesuchen sind oft auch Angehörige von Verstorbenen, die Organe gespendet haben, und Menschen, die von einer Organspende profitiert haben. Viele von ihnen lernen die Experten durch die „engagierte Angehörigenbetreuung“ kennen. Will heißen: Enge Verwandte oder Freunde von Verstorbenen, deren Organe entnommen wurden, lässt das Team nicht allein. Später sind sie häufig Türöffner, um Ärzte für das Thema zu gewinnen. Das ist eminent wichtig, denn nur so erfährt die DSO von potenziellen Spendern.

Dass die Meldequoten so niedrig sind, liegt laut Breidenbach auch daran, dass vielen Ärzten das nötige Wissen über die Voraussetzungen für Organspenden fehlt. Oft hätten die Transplantationsbeauftragten keine speziellen Kenntnisse und wenig Zeit.

„Es ist dreimal so wahrscheinlich, dass jemand auf eine Organspende angewiesen ist, als dass jemand als Organspender infrage kommt“, sagt Breidenbach. Ein Patient muss die Klinik lebend erreicht haben, und bei ihm muss der irreversible Hirntod festgestellt worden sein. Ursachen hierfür sind neben schweren Hirnverletzungen etwa durch einen Unfall vor allem eine Unterversorgung des Hirns mit Sauerstoff wie bei einem zeitweisen Herz-Kreislauf-Stillstand.

Bei der Diagnostik ist Rheinland-Pfalz noch weit entfernt von Weltmeister Spanien. Dort hat jede Klinik mit Intensivstation einen speziell geschulten, hauptamtlichen Transplantationskoordinator – sechs pro eine Million Einwohner sind es dort, 0,6 hierzulande. Zwar muss jede deutsche Klinik einen solchen Beauftragten haben. Allerdings sind dies keine Hauptamtlichen, die allein für Organspenden zuständig sind.

In Spanien kommt diesem Koordinator die Schlüsselrolle zu: Er informiert sich über jeden ins Krankenhaus eingelieferten Patienten. Kommt dieser auch nur im Entferntesten als Organspender infrage, wird sein Krankheitsverlauf genauestens verfolgt, sodass alles Weitere schnell eingeleitet werden kann.

Widerspruchslösung wirkt

Vor allem hat der Koordinator aber die wichtige und zugleich heikle Aufgabe, die Verwandten von einer Organspende zu überzeugen. Streng genommen ist dies in Spanien gar nicht nötig, weil dort die sogenannte Widerspruchslösung gilt. Das heißt, dass Organe entnommen werden können, wenn der Betroffene dem während seines Lebens nicht ausdrücklich widersprochen hat. In Deutschland muss er ausdrücklich zustimmen.

Doch in Spanien hat sich längst eine erweiterte Widerspruchslösung durchgesetzt – in fast 99 Prozent der Fälle werden die Verwandten dennoch gefragt. Daher setzt sich Breidenbach dafür ein, auch diese Lösung in Deutschland einzuführen. Dies würde aus seiner Sicht Druck von den Angehörigen nehmen. Denn weil sie wüssten, dass ihr Angehöriger der Organentnahme nicht widersprochen habe, falle es ihnen leichter, diesen Schritt zu unterstützen. In Deutschland scheitern Mediziner in 40 bis 70 Prozent der Gespräche an dem Widerstand der Angehörigen. „Mit der spanischen Widerspruchslösung ließe sich diese Quote deutlich senken.“

Wie selbstverständlich die Spanier mit dem Thema Organspende umgehen, das zeigt der Film von Pedro Almodóvar: Die ergreifende Szene, in der sich Krankenschwester Manuela dafür entscheidet, das Herz ihres Sohnes zu verschenken, ist nur ein Randthema in dem oscarprämierten Film. Doch vielen hat sie sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. Wer die Menschen zum Organspenden bewegen will, muss offenbar ihre Herzen erreichen, nicht allein ihre Köpfe.

Von unserem Redakteur Christian Kunst