Archivierter Artikel vom 11.06.2010, 15:48 Uhr

Wie alles begann: Der deutsche Unterzeichner erzählt

Schengen/Heidelberg – Seine Unterschrift ist in die Geschichte eingegangen. Als Waldemar Schreckenberger am 14. Juni 1985 für Deutschland das Schengener Abkommen unterzeichnete, war das der Anfang vom Ende der Grenzkontrollen in der EU.

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Seine Unterschrift ist in die Geschichte eingegangen: Waldemar  Schreckenberger, der deutsche Unterzeichner des Schengen Abkommens.
Seine Unterschrift ist in die Geschichte eingegangen: Waldemar Schreckenberger, der deutsche Unterzeichner des Schengen Abkommens.

Schengen/Heidelberg – Seine Unterschrift ist in die Geschichte eingegangen. Als Waldemar Schreckenberger am 14. Juni 1985 für Deutschland das Schengener Abkommen unterzeichnete, war das der Anfang vom Ende der Grenzkontrollen in der EU.

„Wir haben damals zwar gehofft, dass sich viele Länder anschließen. Dass der Schengen-Raum aber einmal von Portugal bis Russland reicht, haben wir nicht gedacht“, sagt der heute 80-jährige Ex-Chef des Bundeskanzleramtes (1982-1984) in Heidelberg. Vor 25 Jahren brachten Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg und die Niederlande das Übereinkommen an Bord des Fahrgastschiffes „Princesse Marie-Astrid“ im luxemburgischen Ort Schengen auf den Weg.

Schreckenberger hatte das Abkommen im Auftrag von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) vom Grundsatz her schon ein Jahr zuvor erarbeitet – der Anlass war die deutsch-französische Grenzöffnung, die Kohl und Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand im Juli 1984 bei Saarbrücken vereinbarten. Und zwar ziemlich im Alleingang: Hatten doch die leitenden Beamten der zuständigen Ministerien eine Grenzöffnung „einmütig als unverantwortbar abgelehnt“. Kohl entschied: „Dann machen wir es eben ohne die zuständigen Ministerien – und gab mir den Auftrag“, erinnert sich der gebürtige Ludwigshafener Schreckenberger.

„Zunächst hatte ich natürlich verfassungsrechtliche Bedenken“, sagt der Jurist, der heute noch an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer Rechtsphilosophie lehrt. Dann habe er aber eine Lösung gefunden: „Ich lud immer alle Ministerien zu den Sitzungen ein, ohne ihnen ein Stimmrecht zu geben.“ In drei Wochen stand der Text. Die Vereinbarung machte Schule: Nach der deutsch-französischen Vereinbarung folgte eine Ähnliche zwischen Deutschland und Österreich – und dann kam „Schengen“. Die Abschaffung der Binnengrenzen und der Grenzkontrollen im Schengen-Raum kommentiert der einstige Staatssekretär stolz mit den Worten: „Es war mit das wichtigste Werk meines Lebens.“ Er sei von Anfang an überzeugt gewesen, dass der Weg zum freien Reiseverkehr ohne Zoll und Schlagbäume der Richtige war.

Die Politik betrat damals politisches Neuland: „Jahrhundertelang haben sich die Staaten in Europa feindlich gegenüber gesessen.“ Heute gehören bereits 25 Staaten zum „Schengener Raum“. Warum gerade in dem kleinen luxemburgischen Ort Schengen im Dreiländereck zu Deutschland und Frankreich das geschichtsträchtige Papier unterzeichnet wurde? „Man wollte kein Land bevorzugen, daher nahm man die Mosel als internationalen Fluss“, sagt Schreckenberger, der in Mainz wohnt.

Heute erinnern drei Stahlsäulen und ein Europa- Zentrum an der Moselpromenade des 500-Einwohner-Dorfs an den Ort, wo das Schiff damals ankerte. Nein, dort war er seit der Unterzeichnung nicht mehr, sagt Schreckenberger, der von seinem Schulfreund Kohl „Schrecki“ genannt wurde. Dennoch wird er den Ort in guter Erinnerung behalten: „Schengen hat immer einen guten Klang in meinen Ohren.“

Birgit Reichert, dpa