Archivierter Artikel vom 12.04.2015, 21:14 Uhr
Vallendar

WHU-Rektor im Interview: Der Kampf um die klügsten Köpfe

Sie ist eine der bedeutendsten Kaderschmieden in Deutschland und Europa: die WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar. Wir sprachen mit Markus Rudolf, dem Rektor der Wirtschaftshochschule, über die Lehren aus der Finanzkrise, den Gründerdrang der Absolventen und Elitebildung.

WHU-Rektor Markus Rudolf (3. von rechts) und Pressesprecherin Jennifer Willms (2.von rechts) sprachen mit RZ-Chefredakteur Christian Lindner (3.von links), dem stellvertretenden Chefredakteur Manfred Ruch (2.von links), Nachrichtenchefin Birgit Pielen und Redaktionsleiter Ingo Schneider über Lehre und Lernen an der Vallendarer Hochschule. Fotos: Jens Weber
WHU-Rektor Markus Rudolf (3. von rechts) und Pressesprecherin Jennifer Willms (2.von rechts) sprachen mit RZ-Chefredakteur Christian Lindner (3.von links), dem stellvertretenden Chefredakteur Manfred Ruch (2.von links), Nachrichtenchefin Birgit Pielen und Redaktionsleiter Ingo Schneider über Lehre und Lernen an der Vallendarer Hochschule. Fotos: Jens Weber

Herr Professor Rudolf, Sie sind Rektor der WHU – Otto Beisheim School of Management, einer der europaweit führenden Business-Schools mit Studenten aus aller Welt. Ist Vallendar am Rhein der richtige Platz für diese Internationalität?

Unsere Studenten kommen tatsächlich aus allen Teilen der Welt, finden in Vallendar aber alles, was sie brauchen: die nötige Zurückgezogenheit und trotzdem die Nähe zu den Metropolen.

Warum gründen Sie dann ein zweites Standbein der WHU in Düsseldorf?

Wir brauchen ein Standbein mit einer größeren Nähe zum Zentrum des Geschäftslebens. Düsseldorf ist eine der aufstrebendsten Städte, die es zurzeit in Europa gibt. Wir werden Vallendar deshalb aber nicht untreu.

Als die WHU 1984 gegründet wurde, zuckten viele bei dem Wort „Eliteschule“ zusammen. Ist Elite und damit auch Elitebildung heute selbstverständlicher geworden?

Elite heißt ja auswählen, und wir wählen exzellente Studierende aus, die zu uns passen, die unternehmerisch denken und die etwas erreichen möchten. Der Begriff wird heute, glaube ich, besser verstanden als in den 80er-Jahren. Auch staatliche Hochschulen haben sich mit den Exzellenz-Initiativen der Elitebildung verschrieben.

Wie sieht der typische Bachelor-Student bei Ihnen aus?

Der typische Bachelor-Student ist meist immer noch ein erstklassiger Abiturient aus einem deutschen Gymnasium. Wir haben vor zwei Jahren einen sogenannten „International Track“ eingeführt, der sich an internationale Schulabsolventen richtet, die gern in englischer Sprache unterrichtet werden möchten – an internationalen Schulen in Deutschland oder an deutschen Schulen im Ausland.

Aber reiche Eltern sollte ein Absolvent schon haben, um bei Ihnen studieren zu können?

Markus Rudolf ist Rektor der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar.
Markus Rudolf ist Rektor der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar.
Foto: Jens Weber

Auf keinen Fall! Die Frage der finanziellen Ausstattung ist für uns kein Kriterium. Wir haben viele Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung. Wenn jemand zu uns passt und zu uns kommen möchte, bieten wir eine maßgeschneiderte Lösung an. Zum Beispiel kann man Studiengebühren später, also erst im Berufsleben, bezahlen. Für uns sind zunächst nur die persönliche Eignung und die persönliche Exzellenz entscheidend.

Absolventen der WHU gründen ausgesprochen gern. Wie haben Sie das erreicht?

Wir haben an der WHU eine Atmosphäre, einen Geist geschaffen, der unternehmerisch denkende Menschen sehr stark anzieht. Die WHU ist eine Hochschule, an der jeder mit eigener Initiative und eigener Verantwortung relativ viele Dinge auf die Beine stellen kann, weil ihm keine Steine in den Weg gelegt werden.

Welche Unternehmen sind von WHUlern gegründet worden?

Zalando ist beispielsweise eines dieser Unternehmen, Rocket Internet auch. Kitchen Stories ist gerade in aller Munde mit einer Küchen- und Koch-App. Dahinter stehen zwei Frauen, die bei uns den Master gemacht haben. Es gibt kaum ein Internet-Start-up-Unternehmen in Berlin ohne Beteiligung der WHU. Wenn ich durch Berlin-Kreuzberg und Wedding gehe, treffe ich mehr Absolventen als irgendwo sonst auf der Welt.

Wer nicht gründet, sondern ins Management geht, welche Position nimmt der in der Regel ein?

Bei uns finden Sie unternehmerisch tätige Menschen, die in mittelständischen Unternehmen – Familienunternehmen oder eigenen Gründungen – sehr schnell sehr viel Erfolg haben. Zunehmend finden Sie auch Vorstände aus der WHU in großen Unternehmen.

Und jetzt gibt es sogar den entsprechenden Lehrstuhl.

Wir hatten immer Entrepreneurship-Lehrstühle. Das war immer Teil unserer Identität. Wobei dieses unternehmerische Gen, dieser Geist, sehr stark aus der Studentenschaft heraus entstanden ist. Die Studenten entwickeln die Hochschule mit ihrem Geist genauso weiter wie die Professoren und die sonstige Belegschaft. Es gibt wirklich keine andere Hochschule in Deutschland, die so stark mit diesem Geist verbunden wird wie unsere.

Spätestens die Finanzkrise hat uns gelehrt, dass eine rein renditeorientierte Betrachtung des Managements große Risiken birgt. Wie bringt man jungen ehrgeizigen Menschen bei, dass Rendite nicht alles ist?

Indem man versucht, ihnen Werte zu vermitteln. Ich muss zugeben: Wir haben aus der Finanzkrise gelernt und kümmern uns viel mehr als früher um sogenannte weiche Faktoren. Wir bieten Programme zur Persönlichkeitsbildung, zur Nachhaltigkeit oder zum verantwortungsvollen Führen an. Ich persönlich bin ja von Hause aus ein Finance-Professor. In diesem Bereich standen der Shareholder Value, der Aktionär, und die Renditeorientierung, möglichst großer Gewinn, immer im Mittelpunkt. Doch inzwischen hat sich die Lehre enorm geändert.

Nennen Sie uns drei Werte, die Sie bevorzugt vermitteln.

Responsible Leadership, also verantwortungsvolles Führen, ist ein Wert, den wir vermitteln, ebenso wie Teamwork und Nachhaltigkeit. Wir müssen jedes Jahr genau nachweisen, wie sich diese Ziele in der Lehre wiederfinden und welchen Lernerfolg sie haben.

Sie haben jetzt rund 1300 Studenten und 54 Fakultätsmitglieder. Wo will die WHU noch hin?

Wir wollen in allererster Linie eine exzellente Business-School sein, eine der besten in Europa. Wir würden gern weiterhin zur Champions League der europäischen Hochschulen gehören – also unter den Top 32 sein. Die Wachstumsgeschwindigkeit wird moderater sein, als sie es in den vergangenen fünf Jahren gewesen ist. Aber die Hochschule ist heute noch nicht so groß, wie sie es sein sollte, um eine international bedeutende Hochschule bleiben zu können.

WHU wird schon mal übersetzt mit „Wir heiraten untereinander“. Was ist damit gemeint?

Das ist natürlich ein ziemlich unernst gemeinter Slogan. Allerdings, es gibt diesen Spirit, über den wir jetzt ein paarmal gesprochen haben. Er führt dazu, dass die Studierenden auf dem Campus eine extrem familiäre Atmosphäre haben. Diese familiäre Bindung bleibt im späteren Leben erhalten. Deshalb ist der Zusammenhalt der Ehemaligen untereinander enorm groß. Das hält ein Leben lang. Da sind tiefe, ernsthafte Freundschaften entstanden, die sich auf das Geschäftsleben, aber auch aufs Privatleben auswirken.

Das Gespräch führten Chefredakteur Christian Lindner, Ingo Schneider und Damian Morcinek