Archivierter Artikel vom 24.11.2014, 05:00 Uhr

Wenn Gewalt an Frauen Normalität wird

Sie ist Überlebende des Bürgerkriegs in ihrer Heimat Sierra Leone, war Sachverständige beim Gericht zur Aufarbeitung des Konflikts und für die UN im Kriegsland Liberia. Dennoch ist die sexuelle Gewalt im Südsudan das Schlimmste, was Zainab Hawa Bangura (54), UN-Sondergesandte für sexuelle Gewalt in Konflikten, je gesehen hat. Das Interview zum morgigen Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen im Wortlaut:

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Zainab Hawa Bangura (54), UN-Sondergesandte für sexuelle Gewalt in Konflikten.
Zainab Hawa Bangura (54), UN-Sondergesandte für sexuelle Gewalt in Konflikten.
Foto: dpa

Wieso ist die sexuelle Gewalt im Südsudan besonders entsetzlich?

Die Verbreitung und die unvorstellbare Brutalität der Verbrechen haben mich erschüttert. Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, Entführungen, sexuelle Sklaverei, Verstümmelung der Geschlechtsorgane und Zwangsheirat sind nur einige der grauenhaften Verbrechen, denen ich bei meinem Besuch dort begegnet bin. Es gibt keinen Teil des Landes, in dem diese Verbrechen nicht verübt werden. Dazu kommt eine besorgniserregende ethnische Komponente des Konflikts: Frauen und Mädchen sollen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe zerstört werden. Ein lokaler Radiosender hat Männer einer Volksgruppe aufgerufen, Frauen einer anderen zu vergewaltigen. Diese unschuldigen Menschen sind gefangen zwischen zwei Fronten, und ihre Körper werden von beiden Seiten als Schlachtfeld benutzt.

Was haben Ihnen die Frauen bei Ihrem Besuch gesagt?

Eine Frau beschrieb die Lage mit den Worten „Die sexuelle Gewalt ist hier zu etwas Normalem geworden. Es geht nicht nur um Vergewaltigung, es geht darum, deine Würde zu verletzen, um unbeschreibliches Leid und Zerstörung zu verursachen.“ Eine andere sagte: „Wir leben nicht nach den Regeln des Gesetzes, wir leben nach den Regeln der Männer.“ Die Überlebenden der sexuellen Gewalt müssten danach mit dem Stigma kämpfen und haben keinen Zugang zu juristischer und medizinischer Hilfe.

Warum ist die Situation im Südsudan besonders schlecht?

Der Südsudan, der 2011 nach einem jahrzehntelangen Krieg vom Sudan unabhängig wurde, ist erst auf dem Weg, ein Staat zu werden. Das Gewohnheitsrecht überlagert bei der täglichen Rechtspflege das Gesetzesrecht, und unter Gewohnheitsrecht werden Frauen als Bürger zweiter Klasse behandelt, ihre Rechte werden systematisch verletzt. Zudem haben die Kämpfe im Land Hunderttausende Menschen zur Flucht gezwungen. Diese Flüchtlinge leben unter entsetzlichen Bedingungen, in chronischer Unsicherheit bei grassierender sexueller Gewalt.

Was passiert mit den Frauen?

Die Männer bleiben in den Flüchtlingscamps, um nicht getötet zu werden. Also sind es die Frauen, die rausgehen müssen, um Feuerholz, Essen und Wasser zu suchen. Dabei werden sie vergewaltigt. Frauen werden gezwungen, sich in Gefahr zu begeben, um die Männer ihrer Familie vor dem Tod zu bewahren.

Wer sind die Täter?

Die Täter stammen von allen Konfliktparteien. Es sind Regierungssoldaten und Truppen der Opposition. Auch Milizen üben sexuelle Gewalt aus.

Gilt Vergewaltigung im Südsudan landläufig als Verbrechen?

Prinzipiell ist es im Südsudan eine Straftat, eine Frau zu vergewaltigen, die mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden kann. Alle Männer, die ich getroffen habe, inklusive Präsident Salva Kiir und Rebellenchef Riek Machar, haben mir versichert, dass Vergewaltigung in der südsudanesischen Kultur nicht akzeptiert wird. Aber in der Realität ist es nicht so. Die Achtung vor dem Gesetz muss sich noch durchsetzen, die staatlichen Institutionen sind kaum präsent, Polizei und Justiz existieren außerhalb der Hauptstadt Juba so gut wie gar nicht. Die südsudanesische Gesellschaft war von 20 Jahren Unabhängigkeitskrieg zerrissen, und was übrig geblieben war, zerfiel bei den jüngsten Kämpfen. Die Frauen und Mädchen blieben schutzlos zurück.

Müssen Frauen Repressionen aus ihrem Umfeld fürchten, nachdem sie vergewaltigt wurden?

Wie in vielen Ländern werden Frauen und Mädchen im Südsudan nach einer Vergewaltigung ausgegrenzt, weil der Angriff vermeintlich Schande über Familie und Gemeinschaft bringt. Viele Familienangehörige ertragen die Demütigung nicht und stellen einen Zusammenhang zwischen Tat und Tugendhaftigkeit der Frau her. Oft gelten vergewaltigte Frauen als nicht heiratsfähig, sie werden zum Schweigen gedrängt.

Was tut die UN, um die Frauen und Mädchen zu schützen?

Nur 10 Prozent der Flüchtlinge haben Zuflucht bei den UN gefunden. Und wegen der schlechten Sicherheitslage und mangelnden Ressourcen bleibt es schwierig, die anderen 90 Prozent zu erreichen. Wir haben eine gemeinsame Erklärung mit der südsudanesischen Regierung unterschrieben, die einen besseren Schutz von Frauen und Mädchen vor sexueller Gewalt und eine Verfolgung der Verantwortlichen zum Ziel hat. Darin sind klare Maßnahmen formuliert, die die Regierung umzusetzen plant. Dazu gehören Reformen im Justiz- und Sicherheitsapparat.

Was muss aus ihrer Sicht getan werden?

Erstens: Der Krieg muss enden, und Frauen müssen angemessen in den Friedensprozess eingebunden werden. Die Verantwortlichen für die Verbrechen vor und während des Konflikts müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Der Staat muss mit Nachdruck auf einem unabhängigen und funktionierenden Justizsystem aufgebaut werden. Das wird die Straflosigkeit beenden. Zweitens: Es muss ein System zur Versorgung von Opfern sexueller Gewalt aufgebaut werden, inklusive medizinischer und psychologischer Hilfe. Die internationale Gemeinschaft muss dafür mehr Mittel aufbringen, um einer humanitären Krise dieses Ausmaßes entgegenzuwirken.

Was hilft Ihnen, mit all dem Schrecklichen umzugehen, das Sie gesehen haben?

Bei meinen Reisen um die Welt schockt mich immer wieder die Unmenschlichkeit der Menschen gegenüber Menschen. Aber meine Erfahrung sagt mir, dass die Menschen einerseits eine enorme Fähigkeit zur Brutalität haben, aber auch zu noch mehr Widerstandskraft, Mut und Güte. Jedes Mal, wenn ich Überlebende von Kriegsvergewaltigungen treffe, medizinisches Personal, das sie versorgt, und Aktivisten, die trotz großer Gefahr versuchen, diese Verbrechen zu bekämpfen, erfüllt es mich mit Hoffnung. Diese Menschen bestärken mich in meiner Überzeugung, dass das Übel der sexuellen Gewalt niemals die Kraft menschlichen Geistes und den Wunsch der Menschen, in Frieden und Würde zu leben, besiegen wird.

Das Gespräch führten Natalia Matter und Jürgen Prause