Archivierter Artikel vom 29.03.2010, 11:04 Uhr

Wenig Lust auf den Dienst am Menschen

Rheinland-Pfalz – Ans Bett gefesselt, angeschlossen an Schläuche, unfähig, selbst Nahrung zu sich zu nehmen: Keiner stellt sich den eigenen Lebensabend so vor. Doch genau dies wird immer mehr Menschen treffen. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamts prognostizieren eine deutliche Zunahme der Pflegefälle. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft, sich um alte und kranke Menschen zu kümmern. Den Wohlfahrtsverbänden fehlt es an gut ausgebildetem Nachwuchs.

Wenig Lust auf den Dienst am Menschen
Praktische Hilfe und gute Worte: Auch immer mehr Rheinland-Pfälzer werden im Alter auf die Hilfe von Pflegekräften angewiesen sein. Die Zahl der Pflegefälle bei den über 60-Jährigen wird sich im Land bis zum Jahr 2020 um 28 Prozent erhöhen, bis 2050 sogar verdoppeln. Doch es fehlt das Pflegepersonal.
Foto: epd

Rheinland-Pfalz – Ans Bett gefesselt, angeschlossen an Schläuche, unfähig, selbst Nahrung zu sich zu nehmen: Keiner stellt sich den eigenen Lebensabend so vor. Doch genau dies wird immer mehr Menschen treffen. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamts prognostizieren eine deutliche Zunahme der Pflegefälle. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft, sich um alte und kranke Menschen zu kümmern. Den Wohlfahrtsverbänden fehlt es an gut ausgebildetem Nachwuchs.

Laut den Prognosen der Statistiker werden wir in den nächsten zehn Jahren schon 28 Prozent mehr Pflegefälle bei den über 60-Jährigen haben als noch im Jahr 2007, bis 2050 sind es mehr als doppelt so viele. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, braucht es vor allem mehr Personal. Zwar gehen die Statistiker davon aus, dass bis dahin rund 28 000 Heimplätze im Land fehlen werden. Doch das werten die Pflegeverbände nicht als größtes Problem. Denn immer mehr Menschen wollen zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung ambulant versorgt werden. Auch Landessozialministerin Malu Dreyer (SPD) hat den Grundsatz „ambulant vor stationär“ noch einmal bekräftigt.

Gerade im ländlichen Rheinland-Pfalz bedeutet das aber einen erheblichen Arbeitsaufwand für die mobilen Pflegedienste. Mindestens in dem Maße, wie die Zahl der Pflegefälle zunimmt, müssten auch neue Pflegekräfte eingestellt werden, schätzt Harald Kilian, Referent für Altenpflege beim paritätischen Wohlfahrtsverband für Rheinland-Pfalz und das Saarland. Der tatsächliche Bedarf dürfte höher liegen. Schon jetzt haben die Pflegedienste Probleme, den gestiegenen Arbeitsaufwand zu bewältigen. Der Leidtragende ist der Patient. „Rein vom Personal her hätten wir pro Patient 83 Minuten Pflegezeit am Tag“, rechnet Kilian vor. „Zieht man davon aber die Zeit ab, die man für Verwaltung und Buchhaltung braucht, bleiben 58 Minuten übrig.“ Momentan ist die Pflege zu stark geregelt, findet Kilian. „Der Blick für das Wesentliche ist verloren gegangen. Die Lücke zwischen den Anforderungen und dem, was möglich ist, wird immer größer.“

Doch dem Fachkräftemangel begegnet man nicht allein durch Bürokratieabbau. Es fehlt vor allem an Nachwuchs, meint Solveigh Schneider, Vorstand der AG Pflege der Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz: „Die Pflegeberufe sind nicht mehr attraktiv. In der Pflege wird man schlecht bezahlt, die Arbeitszeiten sind nicht gut.“ Immer weniger junge Menschen haben darum Lust, sich dem anstrengenden Dienst am Menschen zu verschreiben.

Flexiblere Arbeitszeiten und bessere Bezahlung könnten dazu beitragen, Pflegeberufe aufzuwerten. Auch mit vermeintlichen Kleinigkeiten könnte man viel erreichen: „Der Beruf ist körperlich sehr anstrengend. Es wäre schön, wenn uns Fitnesskurse angeboten werden würden“, schlägt Schneider vor. Auch beim Pensionsalter müsse etwas getan werden. „Bis 67 diesen Beruf zu machen, ist fast unmöglich.“

Von dem Vorschlag, Fachkräfte aus dem Ausland, insbesondere aus Osteuropa, zu holen, hält Kilian nicht viel. „Was bringt es, wenn dann in Polen entsprechende Leute fehlen, weil wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben.“ Stattdessen könnten die deutschen Arbeitsagenturen helfen, qualifiziertes Personal zu schaffen. Statt in kurzfristige Maßnahmen zu investieren, die nur dazu dienen „Leute aus der Statistik zu kriegen“, schlägt Kilian vor, in Umschulungen zur Pflegekraft zu investieren: „Viele Menschen können und wollen in der Pflege arbeiten. Sie müssen nur ausgebildet werden.“ Moritz Meyer